"Order! Order!", ruft der Speaker, der Parlamentspräsident. Doch in diesen Haufen lässt sich keine Ordnung bringen. In der weltweit als "Mutter aller Parlamente" bekannten Versammlung geht es zu wie im Pub. Zugleich aber werden jahrhundertealte Formen gewahrt. So ist der Speaker streng genommen der einzige, mit dem die Abgeordneten reden. Auch in der Debatte dürfen sie sich nicht direkt ansprechen. Einzig korrekt ist folgende Ausdrucksweise: "Mr. Speaker, das Ehrenwerte Mitglied für (den Wahlkreis) Bexleyheath redet Unsinn."
Spickzettel sind verpönt. Man redet frei - wer das nicht kann, hat keine Chance. Auch erwartet man von den Abgeordneten, die Belange ihrer Wahlkreise zu vertreten. Regelmäßig kommt es in der Mittwochs-Fragestunde des Premiers vor, dass sich beispielsweise während einer hitzigen Irakdebatte ein Hinterbänkler zu Wort meldet und fragt: "Was sagt diese Regierung zu der folgenschweren Schließung des Postamtes auf der Hauptgeschäftsstraße meines Wahlkreises?" Die einzig korrekte Reaktion des Premierministers ist - möglichst frei von Ironie - zu antworten: "Mr. Speaker, der Ernst der Lage im Wahlkreis des Ehrenwerten Mitglieds für XY ist mir bewusst, aber . . ."
Der Saal des Unterhauses mit seinen grünen Ledersitzen ist schlicht, schließlich ist dies das "House of Commons", das Haus der einfachen Leute - nicht der hohen Herren, der Lords, die ein paar Gänge weiter wie in einem Dom residieren. Die Lords des Oberhauses sind heute weit gehend entmachtet.
Überhaupt sagt man, in Großbritannien herrsche für die Dauer einer Legislaturperiode eine "Parteidiktatur". Das Mehrheitswahlrecht, wonach in jedem Wahlkreis immer nur der mit den meisten Stimmen einen Parlamentssitz bekommt und alle anderen leer ausgehen, führt meist zu klaren Mehrheiten. Umfragen zufolge liegt Premier Tony Blair mit seiner Labour-Party auch bei der heutigen Wahl wieder vorn.