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Die mühsame Identifizierung der Absturz-Opfer

François Daoust: "Einen Körper an seine Familie zurückgeben zu können, das heißt, die Trauerarbeit beginnen zu können."
François Daoust: "Einen Körper an seine Familie zurückgeben zu können, das heißt, die Trauerarbeit beginnen zu können." FOTO: dpa
Pontoise. Damit die Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes ihre Angehörigen beerdigen können, müssen die Überreste zugeordnet werden. Eine Herausforderung für die französischen Kriminalisten - bis Ergebnisse vorliegen, könnten Monate vergehen. Sebastian Kunigkeit

Der Kontrast zum Chaos des Trümmerfeldes in den Alpen könnte kaum größer sein. In einem penibel sauberen Laborraum hinter einer Luftschleuse füllt ein Mann im weißen Ganzkörper-Schutzanzug mit den immer gleichen Handbewegungen Flüssigkeit aus Pipetten in Röhrchen. Wissenschaftliche Routinearbeit, die dafür sorgen soll, dass die Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes ihre Toten begraben können. Denn hier im Kriminalinstitut der französischen Gendarmerie in Pontoise nordwestlich von Paris analysieren Experten die DNA der Leichenteile, die am Unglücksort gefunden wurden.

François Daoust hält sich militärisch stramm in seiner blauen Colonel-Uniform, nur die Plastik-Überzüge an seinen schweren Gendarmerie-Schuhen, die Dreck aus dem Labortrakt fernhalten sollen, passen nicht so recht ins Bild. Der Leiter des Instituts ist überzeugt, dass die Arbeit seiner Leute für viele Hinterbliebene sehr wichtig ist: "Einen Körper an seine Familie zurückgeben zu können, das heißt, die Trauerarbeit beginnen zu können, die so wichtig ist, um im Leben weitergehen zu können."

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Zwei bis vier Monate werde es wohl mindestens dauern, bis die Ergebnisse vorliegen, so Daoust. "Die Untersuchungen dauern sehr lang, weil es enorm viele Analysen zu machen gibt."

31 Experten des Instituts arbeiten in einem mobilen Labor nahe des Absturzortes: Biologen, Rechtsmediziner, Zahnexperten und Spezialisten für Fingerabdrücke. Sie nehmen auch eine winzige Gewebeprobe von jedem gefundenen Leichenteil und schicken sie nach Pontoise - etwa 400 Proben sind dort bereits analysiert worden. Der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin hatte am Sonntag berichtet, dass dabei 78 verschiedene DNA-Spuren gefunden wurden. Das wären etwas mehr als die Hälfte der 150 Toten.

Der Mann im Schutzanzug hantiert immer noch mit seinen Röhrchen. "In diesem Zimmer tragen wir die Chemie auf, die nötig ist, um die DNA zu vervielfältigen, was uns schließlich (. . .) die Identifizierung der Opfer erlaubt", erklärt Francis Hermitte vom genetischen Analyse-Dienst.

Im gleichen Labor seien im vergangenen Jahr die Leichenteile der Opfer eines in Mali abgestürzten Air-Algérie-Flugzeuges untersucht worden. "Also haben wir bereits die Erfahrung, mit einer solchen Katastrophe umzugehen", so Hermitte.

Doch dies ist nur der erste Schritt. Denn um die Überreste zuordnen zu können, braucht es Vergleichsdaten. Polizisten in den Heimatländern der Toten fragen nach deren Haar- oder Zahnbürsten, an denen sich Erbgut nachweisen lassen könnte, oder bitten deren Eltern und Kinder um DNA-Proben. Auch Informationen über Tattoos, Piercings oder Zahnfüllungen können helfen. Etwa 60 solche Dossiers sind bereits in Frankreich eingetroffen.

In Rosny-sous-Bois - einem anderen Pariser Vorort östlich der Hauptstadt - wertet ein weiteres Team die Daten aus. Wegen der vielen deutschen und spanischen Opfer sind Experten aus beiden Ländern vor Ort, außerdem sind vier Interpol-Mitarbeiter dabe i.

Unglücksfälle dieses Ausmaßes sind auch für die Profis der Gendarmerie eine Belastung. Nicht nur für das Team in den Alpen gibt es psychologische Betreuung: Sich mit den Familien und den Dossiers zu beschäftigen, schaffe eine "echte Empathie", sagt Daoust - und auch die müsse begleitet werden.

Ob am Ende alle Opfer gefunden werden können, ist angesichts der Wucht des Aufpralls in das zerklüftete Bergmassiv unklar. "Wir hoffen es natürlich", betont Daoust. Beim Air-Algérie-Absturz im vergangenen Jahr habe sein Team 115 von 116 Toten identifiziert. Ein Opfer aber blieb verschollen. Deshalb sei er sehr vorsichtig, falsche Versprechungen zu machen. Vor allem aber will er sich nicht zur Eile drängen lassen. "Es ist besser, im Rhythmus der Wissenschaft zu arbeiten, als zu überstürzen und damit das Risiko einzugehen, sich bei der Identifizierung zu irren."