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| 02:45 Uhr

"Die Ministerin muss ein Machtwort sprechen"

Dieter Doege ist seit mehr als 30 Jahren Verkehrsplaner.
Dieter Doege ist seit mehr als 30 Jahren Verkehrsplaner. FOTO: Christian Taubert
Wie kann der Regionalexpress (RE) 2 von Cottbus über Berlin nach Wismar endlich pünktlich werden? Sind die von Schließung bedrohten drei Lausitzer Haltepunkte noch zu retten? Und warum wehrt sich der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) dagegen, eine Alternative zu seinem Fahrplanentwurf zu debattieren? Die RUNDSCHAU sprach darüber mit dem Brandenburg-Chef des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Dieter Doege.

Herr Doege, Sie beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit Verkehrsplanung. Was bedeutet es, wenn Haltepunkte geschlossen werden sollen, um einen Fahrplan hinzubekommen?
Für so eine Lösung müssten sich die Planer beim VBB ihr Lehrgeld zurückgeben lassen. Haltepunkte an Strecken zu schließen, an denen stündlich ein Zug vorbeifährt - das ist ein Unding.

Dennoch sieht der VBB-Fahrplanentwurf ab Dezember diese Variante vor. Sind die betroffenen drei Lausitzer Bahnhalte auf der RE 2-Strecke zwischen Cottbus und Berlin noch zu retten?
Sie müssen noch zu retten sein. Dafür brauchen wir endlich nach Jahren des Nichtstuns einen funktionierenden Bahn-Knoten in Cottbus. Das heißt, hier müssen die Umsteigemöglichkeiten so gestaltet werden, dass sie auch funktionieren. Wenn der Knoten Cottbus diesen Anspruch erfüllt, dann sind die Haltepunkte Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz - und zwar die stündlichen Halte - automatisch mit drin. Dafür aber braucht es Kreativität bei der Fahrplangestaltung beim VBB.

Sie haben als Pro Bahn einen Plan B zum Entwurf des VBB vorgelegt. Was ist darin anders?
Unser Plan B, der übrigens auch von anderen Verbänden getragen wird, sieht erstens vor, dass wir die Zugbegegnungen in Lübbenau statt in Cottbus haben. Also, bevor die Strecke eingleisig wird. Dieser Plan bringt zweitens etwa zehn Minuten Reservezeit in Cottbus. Und zusätzlich die stündlichen Halte in Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz.

Die Zugkreuzung Lübbenau hat vor Jahren schon funktioniert. Warum sperrt sich der VBB gegen diese Variante?
Das ist uns schleierhaft. Wir erleben wie die Bürgerinitiativen aus Raddusch und Kunersdorf/Kolkwitz, dass aus zig fadenscheinigen Gründen alles abgelehnt wird, was nicht vom VBB selbst kommt. Aus Gründen, die allesamt nicht stichhaltig sind.

Es soll Fahrplanveränderungen in der Prignitz geben. Wird der Weg zu einem funktionierenden Bahnknoten Cottbus dem neuen Knoten Wittenberge geopfert?
Aus unserer Sicht, hundertprozentig ja. Man muss hinzufügen, dass es sich bei Wittenberge aus Sicht des RE 2 um einen eher unbedeutenden Knoten handelt. Denn er ist mit Cottbus nicht zu vergleichen. Während auf dem Lausitzer Bahnhof täglich gut 3000 Reisende umsteigen, sind es in Wittenberge keine 100. Cottbus ist einfach eine ganz andere Dimension. Dem wird der neue VBB-Fahrplanentwurf in keinster Weise gerecht.

Aber es wird der Vorrang für den Fernverkehr - ICE und IC aus Hamburg nach Berlin - ins Feld geführt, die den RE 2 im Norden mehrfach ausbremsen . . .
Darauf gibt es nur eine Antwort. Der RE 2 ist für die Brandenburger Fahrgäste und Pendler vom Land bestellt und wird von ihm bezahlt. Es ist die verdammte Pflicht des VBB und der DB Netz, diesem Anspruch gerecht zu werden. Das heißt, die Fahrgäste haben ein Recht darauf, dass dieser Zug endlich pünktlich verkehrt und die Anschlusszüge sicher erreicht werden.

Für vier Minuten Zeitersparnis sollen drei Haltepunkte aufgegeben und damit mehr Pünktlichkeit erreicht werden - gaukeln die Fahrplangestalter der Politik etwas vor?
Das ist offensichtlich. Es gibt im Verkehrsministerium niemanden mehr, der die Planungen im Schienenverkehr detailliert überprüfen könnte. Dort muss dem VBB vertraut werden. Und der Verkehrsverbund lehnt es seit Jahren ab, die drei Fahrgast- und Bahnkundenverbände in Planungen einzubeziehen. Bei uns gibt es Expertenwissen, das nicht abgerufen, dafür aber verteufelt wird. Fahrplan-Alternativen werden aber nicht im stillen Kämmerlein erarbeitet. Dafür braucht es Kommunikation und Kreativität.

Was soll die Politik aufrütteln?
Die mehr als 10 000 Unterschriften von Bürgern für den Erhalt der drei Lausitz-Bahnhöfe waren ein erstes Zeichen. Jetzt ist es aber auch an der Zeit, dass der Oberbürgermeister von Cottbus mit der Faust auf den Tisch haut und es sich nicht länger gefallen lässt, dass die zweitgrößte Stadt Brandenburgs von der Bahn so schlecht bedient wird.

VBB und Ministerium argumentieren, dass Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz nach zwei Jahren wieder bedient werden könnten . . .
Unsinn, das ist eine Schnapsidee und reine Hinhaltetaktik. Es ist im Übrigen gängige verkehrswissenschaftliche Praxis, dass beim Start eines Zuges in einem Randgebiet die ersten Stationen hohe Bedeutung haben. Denn wer in Kolkwitz, Kunersdorf oder Raddusch zusteigt, der fährt meist bis Berlin. Von der Ausnutzung des Zuges her sind diese Halte also ein ganz wesentlicher Bestandteil und gängige Praxis: Beispielsweise wird der IC Hamburg-Sylt zwischen Niebüll und Westerland zur Regionalbahn und hält an jeder "Milchkanne", durchaus vergleichbar mit dem RE 2 in der Lausitz.

Sehen Sie eine Lösung für den Konflikt noch vor dem Winterfahrplan?
Infrastrukturministerin Kathrin Schneider muss ein Machtwort sprechen. Es liegt unsere Alternative zum VBB-Fahrplanentwurf vor, womit der Knoten Cottbus nachhaltig pünktlich werden kann. Der VBB müsste endlich eingesehen haben, dass Bahnknoten Cottbus und Wittenberge in einer einzigen RE-Linie nicht vereinbar sind. Wenn all dies ignoriert wird, dann muss der Politik unterstellt werden, dass die Schließung der Haltepunkte in der Lausitz als Testfall für weitere Bahnhofs-Stilllegungen in Brandenburg herhalten soll.

Mit Dieter Doege

sprach Christian Taubert

Zum Thema:
Als sich Dieter Doege auf den Weg zum RUNDSCHAU-Interview macht, erlebt er, was Tausende Bahnreisende zwischen Cottbus, Berlin und Wismar beinahe täglich über sich ergehen lassen müssen: Am Berliner Hauptbahnhof kommt der ICE aus Hamburg 20 Minuten verspätet an. Für den Regionalexpress (RE) 2 nach Cottbus, der dem Fernzug in der Prignitz Vorrang geben muss, bedeutet das ebenfalls: Verspätung. "Nur neun Minuten", sagt Doege. Doch der Brandenburg-Chef des Fahrgastverbandes Pro Bahn weiß, dass der RE 2 keine Chance mehr hat, diese Zeit aufzuholen. Für Hunderte Pendler bis Königs Wusterhausen reichen die knappen Haltezeiten an den Berlin-Stationen ohnehin nicht aus. Zwischen KW und Brand kann der Zug zwar endlich auf 160 km/h beschleunigen, doch in Lübbenau liegt er immer noch sechs Minuten hinter dem Fahrplan. Weil die Umstiege in Cottbus gefährdet sind, orientiert die Odeg Reisende in Richtung Leipzig, in Lübbenau umzusteigen - in die RB 19 nach Calau und von dort mit dem RE 10 nach Leipzig. Die Weiterreise mit dem RE 2 wird auf der eingleisigen Strecke Lübbenau-Cottbus jetzt zum Vabanquespiel. Fährt der RE 2 aus Cottbus pünktlich ab, blockiert er das einzige Gleis. Begegnung in Vetschau. Die Verspätung steigt dann auf 24 Minuten an, und von den Anschlusszügen sind nicht einmal mehr die Rücklichter zu sehen. "Aber diesmal", schildert Doege, "wartet der Gegenzug in Cottbus." Dort es sind wieder neun Minuten Verspätung. Zu viel für den Umstieg einer größeren Reisegruppe nach Zittau. Auch alle anderen "Anschluss"-Züge sind weg.