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Die Memoiren eines Möchtegernhelden

Weitgehend unbemerkt von der außerpolnischen Öffentlichkeit, hat Jaroslaw Kaczynski im Sommer seine politische Autobiografie vorgelegt. Vielleicht handelt es sich auch nur um den ersten Band, das ist noch nicht ganz klar. ukr1

Ein etwas sonderbarer Vorgang war die Publikation ohnehin, greifen Politiker doch meist erst dann zur Feder, um ihre Memoiren niederzuschreiben (oder von fremder Hand geschriebene Memoiren zu verbessern), wenn sie sich aufs Altenteil zurückziehen (oder dorthin abgeschoben werden). Kaczynski dagegen befindet sich derzeit auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Macht.

Es ist zwar richtig, dass der Chef der allein regierenden PiS-Partei dem Kabinett in Warschau nicht angehört, aber eben dort, im Kabinett, wird nichts entschieden, was der große Vorsitzende vorher nicht abgesegnet hat. Doch wie dem auch sei: Kaczynski schien es ein Herzensanliegen zu sein, seine Sicht der Dinge auf die polnische Zeitgeschichte darzulegen, denn genau darum dreht sich das Buch mit dem sperrigen Titel "Einigung gegen die Monomacht. Aus der Geschichte der PC", wobei PC für (Ver-)Einigung Zentrum steht, eine der vielen Parteien in der Frühphase des postkommunistischen Polen. PC-Gründer war, natürlich, Kaczynski, und bei der Monomacht handelte es sich selbstverständlich um die Kommunisten, aber in gewisser Weise auch um jene angeblichen Antikommunisten, die später gemeinsame Sache mit den Gestürzten machten.

Schon der erste Satz des Textes zeigt die Richtung an: "Die Politik begann für Leszek und mich im März 1968 [d.h. während der Studentenunruhen in Polen]." Jaroslaw Kaczynski schreibt also für seinen toten Zwillingsbruder Lech gleich mit, über dessen Verlust er bis heute nicht hinweggekommen ist (Jaroslaw trägt auch sechseinhalb Jahre nach der Flugzeugtragödie in Smolensk noch immer Schwarz).

So gesehen kann es auch kaum verwundern, dass der überlebende Kaczynski seinen Bruder zum wahren Führer der Freiheitsbewegung Solidarnosc verklärt: "Ein sehr einflussreicher Mann in der Solidarnosc war der erste Stellvertreter von Lech Walesa, mein Bruder Lech, der faktisch die laufende Arbeit der Organisation machte."

Das mag sogar so gewesen sein. Walesa war bekannt dafür, dass er gern andere für sich arbeiten ließ, während er das große Wort schwang und sich öffentlichkeitswirksam in Szene setzte. Aber genau das war es nun einmal, was die Freiheitskämpfer im Polen der 80er-Jahre brauchten: eine Identifikationsfigur, keinen akribischen Buchhalter.

Walesa war und bleibt der Held der Solidarnosc-Revolution! Daran wird sich nichts ändern, selbst wenn Jaroslaw Kaczynski noch weitere neun Memoirenbände verfassen sollte.