Das Geräusch des Tages kommt diesmal nicht vom Zweitakt-Motor der Trabis, es kommt von den Rollkoffern. Massen von Touristen sind nach Berlin gereist - Mauerfall gucken. Die Hotspots des Geschehens sind das ganze Wochenende über in grelles Licht und eine Rummelkulisse getaucht, auf Großbildleinwänden läuft zwischen Checkpoint Charlie und Reichstag das deutsche Glück als Endlosschleife. 25 Jahre danach ist der Mauerfall zum Event geworden, mit Twitteraccount "#fotw25", fall of the wall. Es ist schwer, das Echte im Künstlichen zu finden, aber es gibt es.

Morgens an der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße zum Beispiel. Hier hat sich die Kanzlerin angesagt. Elke Rosin ist deshalb gekommen. Die 69-jährige Frau wohnte einst in der Bernauer Straße 11. Unter großen Gefahren rannte sie mit ihren Eltern kurz nach Beginn des Mauerbaus "über die Straße" in den Westteil der Stadt. Ein Fotograf hat die Szene damals festgehalten. "Ich bin oft hier, und es ist immer wieder ergreifend", sagt Rosin. Angela Merkel steht neben Berlins Noch-Bürgermeister Klaus Wowereit. Beide haben eine Rose in der Hand, die sie später symbolträchtig in einen der Mauerschlitze stecken. Wolfgang Schwabe muss wie viele andere hinter einem Metallzaun stehen und ärgert sich. "Wir haben im Herbst `89 die Züge bei uns vorbei fahren sehen, mit denen die Leute von Prag in den Westen fahren durften. Da sollte jetzt schon Bürgernähe sein", sagt der Sachse, der extra aus seiner Heimat angereist ist.

Es ist Angela Merkels erster offizieller Programmpunkt an diesem Tag. Die Kanzlerin stellt sich weder hier noch später in den Mittelpunkt und umschifft auch jedes Pathos. Als sie im Besucherzentrum vor ausgesuchtem Publikum das Wort ergreift, redet sie von der "Fantasie", zu der sich die Ostdeutschen in den Wende tagen aufgeschwungen hätten. "Blumen statt Krenz(e)" habe da zum Beispiel auf Plakaten gestanden - eine ironisch verpackte Absage an den damaligen Honecker-Nachfolger, die Merkel auch heute noch sichtlich Spaß bereitet.

7000 blau schimmernde Ballons zeichnen den Verlauf der Mauer nach. Den ganzen Tag über ziehen die Massen an dieser "Lichtgrenze" vorbei. Während sich vor 25 Jahren noch wildfremde Menschen vor Glück in die Arme fielen, werden jetzt überall Selfies gemacht. Eine Kneipe am Holocaust-Mahnmal wirbt mit einer großen "Terrassenparty" mit "Panorama-View" auf das Geschehen. Nur an einer Stelle sieht man, dass das hier alles einmal kein Spaß war: Bei den Gedenkkreuzen für die Maueropfer an der Spree. Sie sind mit Rosen übersät. Die Erinnerung lebt.

Jeder Ballon hat einen Paten. Und jeder Pate hat seine persönliche Mauerfall-Botschaft. Einfache Leute sind darunter, wie Heike Legler, die am 9. November 1989 in Ost-Berlin ihren 29. Geburtstag feiern wollte. Das wurde dann auf die West-Berliner Kantstraße verlagert. Auch etliche Prominente haben sich als Paten gemeldet. Darunter Michail Gorbatschow. "Keine neuen Mauern, die die Menschen voneinander trennen", steht auf seinem Wunschzettel. Und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus fordert: "Reißen wir die Mauern der Armut nieder."

Viele der Besucher reden darüber, wie es damals war. Auch die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Wirtz erinnert sich. "Wir sind hier auf die Mauer geklettert", erzählt sie. "Die Grenzer waren total verunsichert." Sie war damals 19 Jahre alt. Jetzt muss sie weiter. Mit der Kanzlerin ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt, wo der offizielle Festakt des Landes Berlin stattfindet, ehe dann die große Abschlussshow am Brandenburger Tor beginnt.

Das übrigens ist ausgerechnet am Jubiläumstag bis auf einen kleinen Durchlass an den Seiten geschlossen. Wie schön wäre es doch gewesen, jetzt unter den mächtigen Säulen hindurch zu spazieren und noch einmal jenes historische Gefühl zu genießen. "Wenn das Brandenburger Tor offen ist, ist die deutsche Frage zu", hieß es damals. So ist es gekommen. Stattdessen taucht Disko-Kunstlicht das Bauwerk in ungute Farben, seine klassizistische Würde wird von einer riesigen Bühne verdeckt. Keine Politikerreden, Merkel hat darauf bestanden, sondern nur Musik, ein Talk und Jan Josef Liefers als Moderator. Das Ganze nennt sich Bürgerfest. Otto Normal, Silly, Peter Gabriel und Fanta4 - für jeden ist beim Musikprogramm etwas dabei. Um 19.15 Uhr werden die leuchtenden Ballons auf 16 Kilometern Länge losgelassen, schweben unter dem Jubel der Menschen in den Himmel, so leicht, wie sich damals auch die Funktion der Mauer als Menschengrenze in Luft auflöste. Freilich, die Mauer in den Köpfen hielt noch länger. Barenboim dirigiert Beethoven. Und dann kommt noch Udo Lindenberg und singt seinen "Sonderzug nach Pankow".Und viele singen mit.

Zum Thema:
Klopfen und Picken - doch diesmal rieselt kein Beton: 46 kleine "Mauerspecht"-Kinder in roten Jacken haben an den Resten der Berliner Mauer in der Bernauer Straße mit Klopfgeräuschen an die glücklichen Stunden nach dem Mauerfall erinnert. Berliner wie Gäste hatten damals versucht, Stückchen aus der Betonmauer zu picken. Zum 25. Jahrestag war dieses pickende Geräusch erneut zu hören: Die Schüler der Schöneberger Löcknitz-Grundschule hatten kleine Lautsprecher dabei, die das Picken wiedergaben.