Der Berliner Senat berichtet von stark ansteigenden Besucherzahlen der vor wenigen Wochen am früheren Grenzübergang Checkpoint Charlie errichteten 30 Schautafeln. Auf ihnen werden die Teilung der Stadt und ihre Konsequenzen dargestellt und an die Todesopfer erinnert. Auch die Gedenkstätte an der Bernauer Straße, die in einiger Entfernung zu den sonstigen Touristenattraktionen der Stadt an der Grenze zum Wedding liegt, verzeichnet steigendes Interesse.
Am Potsdamer Platz sind jetzt genau dort, wo einst die Betonplatten die beiden Hälften der Stadt trennten, einige dieser Platten wieder ausgestellt und haben sich zu den wohl meistfotografierten Objekten der Stadt entwickelt. Insbesondere Ausländer nutzen dort die Möglichkeit, einen Eindruck von dem einst weltberühmten, dann aber fast vollständig verschwundenen Bauwerk festzuhalten. Und spezielle Stadtführungen oder Touren, die entlang der einstigen Grenzanlagen führen, erfahren gesteigerten Zulauf.

Neues Senatskonzept
Im April dieses Jahres hatte die rot-rote Stadtregierung beschlossen, bis zum 50. Jahrestag des Mauerbaus die Gedenkstätte in der Bernauer Straße zu erweitern und darüber hinaus am Checkpoint Charlie sowie in unmittelbarer Nähe des Berliner Abgeordnetenhauses in der Niederkirchnerstraße Erinnerungsorte zu schaffen. Damit wurde der monatelange Streit um den Umgang mit dem nur noch in wenigen Fragmenten erkennbaren weltberühmten Bauwerk beendet. Der Ort, an dem der Menschen gedacht werden soll, die bei Fluchtversuchen um ihr Leben kamen, war zuvor durch eine Initiative des Bundestages unmittelbar am Reichstag festgelegt worden.
Die jetzt am Checkpoint Charlie aufgestellten Tafeln sind der erste Schritt zur Umsetzung dieses Bündels von Maßnahmen. Dort hatte sich auch der Streit um den Umgang mit der jüngsten Vergangenheit entzündet, als aufgrund einer privaten Initiative dort Holzkreuze errichtet worden waren, die auf reges Interesse Zehntausender von Berlinbesuchern stießen. Auf den Tafeln, die jetzt zu sehen sind, werden der Mauerbau und die damit vollendete Teilung der Stadt im Kontext des Kalten Krieges und der Konfrontation zwischen der Sowjetunion und den Westmächten erklärt.

Unterschiedlichste Todesgründe
Auch nach einjähriger Arbeit ist ein von der Bundesregierung gefördertes Forschungsprojekt noch nicht in der Lage, die genaue Zahl der Todesopfer zu nennen, die die Mauer forderte. Das Potsdamer Zentrum für zeithistorische Forschung, das mit den Recherchen beauftragt wurde, kann jetzt immerhin die Namen von 125 Menschen belegen, die an der Mauer aus unterschiedlichsten Gründen zu Tode kamen. In weiteren 81 Fällen aber müsse weiter nachgeforscht werden.
Die weitaus größte Zahl der nachgewiesenen Opfer, insgesamt 93, starben bei Fluchtversuchen. Weitere 24 Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ins Grenzgebiet geraten waren, ohne allerdings Fluchtabsichten zu haben, wurden entweder von Grenzsoldaten getötet oder verunglückten. Dazu zählen auch Berliner aus dem Westteil der Stadt, die beispielsweise auf einem der Grenzgewässer die Demarkationslinie nicht beachteten und daraufhin beschossen wurden.
Schließlich sind auch acht Grenzsoldaten der DDR an der Mauer gestorben, zwei davon von eigenen Kameraden versehentlich erschossen, fünf von Flüchtlingen, Fluchthelfern oder Fahnenflüchtlingen der Grenztruppe getötet, einer durch einen Querschläger eines Berliner Polizisten aus dem Westteil der Stadt, der 1962 einem 14-jährigen Flüchtling Feuerschutz geben wollte.
Eine endgültige Zahl der Mauertoten zu ermitteln, sei deswegen so schwer, weil die DDR selbst keinerlei Interesse daran hatte, alle Fälle lückenlos zu dokumentieren und zu sammeln. Dies sagte der Leiter des Forschungsteams, der Potsdamer Politologe Hans-Hermann Hertle. Hertle geht allerdings davon aus, dass sich unter den 81 Hinweisen auf weitere Tote, die noch überprüft werden, nur noch in wenigen Fällen Maueropfer finden lassen.

Schicksal verschleiert
Gegenüber den Familien der Todesopfer und in der Öffentlichkeit wurde oft versucht, die von dem SED-Regime als versuchten Grenzdurchbruch bezeichnete Flucht und die Todesumstände zu verschleiern. So sei manchmal erst lange nach dem Mauerfall durch intensive Bemühungen von Angehörigen bekannt geworden, dass ein angeblicher Unglücksfall tatsächlich ein Todesfall an der Mauer war. Umgekehrt konnte in einigen Fällen, in denen bisher davon ausgegangen worden war, dass Flüchtlinge getötet wurden, nachgewiesen werden, dass die Personen ihre Flucht entweder völlig unbeschadet oder aber verletzt überlebten.