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| 01:25 Uhr

Die Malxe-Frau Frieda und ihr Geheimnis

Die geheimnisvolle Malxe-Frau: Das 1600 Jahre alte Grab wurde gestern im Vorfeld des Tagebaus Jänschwalde geborgen.Deborah Schulz – die Entdeckerin der Malxe-Frau.
Die geheimnisvolle Malxe-Frau: Das 1600 Jahre alte Grab wurde gestern im Vorfeld des Tagebaus Jänschwalde geborgen.Deborah Schulz – die Entdeckerin der Malxe-Frau. FOTO: Fotos: Arlt
Ihr Fund ist Sensation und Rätsel zugleich: Archäologen haben im Vorfeld des Tagebaus Jänschwalde (Spree-Neiße) an der Malxe-Niederung den gut erhaltenen Körper einer Frau geborgen. Der 1600 Jahre alte Schädel, Knochen, Glasperlen und Bronzenadeln sind dank seltener chemischer Zufälle nicht zerfallen. Jetzt stehen die Wissenschaftler vor der Frage, warum die Malxe-Frau beerdigt und nicht, wie zu ihrer Zeit üblich, verbrannt wurde. Von andrea hilscher

Zuerst war es nur eine dunkle Verfärbung im Dünensand, dann gab das Erdreich eine Ahnung von Knochen frei, später dann die Umrisse eines Menschen, seitlich mit angezogenen Beinen liegend, den Kopf wahrscheinlich auf einem Arm ruhend.
„Erst wusste ich nicht, dass ich etwas Besonderes entdeckt hatte“ , sagt Grabungsleiterin Deborah Schulz, „aber nach einigen Tagen Arbeit war klar, dass wir hier schon einen sensationellen Fund gemacht haben.“
Die Jamlitzerin Deborah Schulz arbeitet erst seit März im Tagebauvorfeld von Jänschwalde und hat schon jetzt einen Archäologen-Traum verwirklicht: Auf einem Gräberfeld, das bis dato nur rund 30 Feuergräber freigegeben hatte, konnte sie mit ihren Mitarbeitern des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege nun erstmals ein derart gut erhaltenes Körpergrab öffnen.
Horst Rösler, Leiter der Ausgrabungen in den Tagebauen Jänschwalde und Cottbus-Nord: „Unser märkischer Sandboden ist denkbar ungeeignet, um organisches Material zu konservieren. Wir finden daher nur sehr selten Knochen und sind jetzt sehr glücklich über dieses gut erhaltene Grab.“
Die Malxe-Frau wurde gestern sorgsam aus dem Sandboden gehoben und soll nun behutsam restauriert werden: zwei Fibeln genannte Bronzenadeln, eine Glasperlenkette, einige Stoffreste und wahrscheinlich eine Gürtelschnalle gehören zu der Tracht, in der sie beerdigt wurde. „Das spannendste aber“ , so Rösler, „wäre dann eine genetische Untersuchung. Vielleicht ließen sich ja Spuren von ihrem damaligen Familienverbund bis in die Lausitz der Gegenwart ziehen?“
Schriftliche Zeugnisse aus der Zeit der Malxe-Frau gibt es nicht, doch rund 400 Meter neben dem Gräberfeld haben die Archäologen eine Siedlung ausgegraben, die Hinweise auf den Alltag der Germanin gibt. In der dörflichen Gemeinschaft stehen Lang-, Pfahl- und Grubenhäuser, daneben Speichergebäude, die auf erfolgreiche Landwirtschaft hinweisen. Die große Zahl von sechs Brunnen lässt darauf schließen, dass die Siedlung beliebt war und immer wieder erweitert werden musste. Horst Rösler: „Wir haben auch einige Tierknochen gefunden und sind sicher, dass hier auch Vieh gehalten wurde.“ Wagen, Hacke und Pflug erleichterten die Bodenbearbeitung, Werkzeuge und Waffen aus Eisen wurden gehandelt, in großen Öfen wurde Mehl zu Brot verbacken.
Darüber hinaus ist aus der Zeit um 400 n. Chr. wenig über das Leben in der Region bekannt: Die Bronzezeit und die Blüte der berühmten „Lausitzer Kultur“ sind seit einigen Jahrhunderten vergangen, die Besiedlung durch die Slawen wird noch etwa 400 Jahre auf sich warten lassen.
Welche Götter die germanischen Bewohner zur Zeit der Malxe-Frau verehrten, ist offen. Horst Rösler: „Wenn die Menschen Gottheiten darstellen wollten, haben sie dazu wohl Holz benutzt - und das ist im Sandboden verschwunden.“ Dieser Sand war es wohl auch, der nach vermutlich 200 Jahren die Bewohner der Siedlung an der Malxe-Niederung vertrieb: Für ihre Art zu bauen, zu wirtschaften und Eisen herzustellen, brauchten sie enorme Mengen von Holz. Ganze Wälder fielen ihren wachsenden Bedürfnissen zum Opfer. Und ohne die Zusammenhänge zu verstehen, mussten nachfolgende Generationen mit ansehen, wie die Felder von Sand überweht wurden. Das Vieh fand keine Nahrung mehr, die Höfe verschwanden unter meterhohen Dünen. Das Leben in der Siedlung war unmöglich geworden.
Heute hoffen die Archäologen, dass der Sand dank chemischer Zufälle weitere Überraschungen für sie konserviert hat. Doch zunächst muss Frieda, wie die Grabungshelfer die 1600 Jahre alte Dame nennen, vorsichtig geborgen und verpackt werden. Sobald ihre wissenschaftliche Erforschung abgeschlossen ist, soll sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Wenn möglich, sollte sie in die Slawenburg Raddusch kommen“ , hofft ihre Entdeckerin Deborah Schulz. Dort könnte die Malxe-Frau anschaulich machen, was in der Lausitz passierte zwischen Bronzezeit und slawischer Besiedlung. Und Deborah Schulz könnte ebenfalls ab und an vorbeikommen, und sich ihren wunderbaren Fund anschauen.

hintergrund Braunkohlearchäologie
 Schon 1931 wurde im Vorfeld des Tagebaus Ilse-Ost in Senftenberg archäologisch gearbeitet. Seit den 60er-Jahren hat sich die Braunkohlearchäologie in der Lausitz fest etabliert. Derzeit arbeiten rund 50 Archäologen, Zeichner und Grabungshelfer an 16 Ausgrabungsstätten, die eine Zeitspanne von der Jungsteinzeit bis ins 19. Jahrhundert abdecken.