Im Gegenteil, erzählt der Lateinlehrer, sein wohl berühmtester Schüler habe schon damals auf dem Gymnasium von Blomberg durch "stoische Ruhe" geglänzt. Eine Eigenschaft, die sich Frank-Walter Steinmeier bis heute bewahrt hat, die im Amt des Bundesaußenministers sogar von entscheidender Bedeutung sein kann.
Nach 50 Lebensjahren sind Steinmeiers Haare silbrig-grau geworden. Sein Gesicht ist füllig, seine Brille randlos. Schnörkeleien liegen ihm nicht. Es ist eine Mischung aus Seriosität und Integrität, aus verbaler Intelligenz und persönlicher Zurückhaltung, die der ehemalige Apparatschik des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder nach außen wie kein anderer der neuen Bundesregierung verkörpert.

Ein gewiefter Taktiker
Wenn Steinmeier also in Saudi-Arabien für die "Tagesthemen" streng gescheitelt vor der Kamera sitzt, den Kopf leicht nach links neigt und fast monoton, aber eindringlich sagt: "Wir führen Dialog nicht um des Dialoges willen, sondern wir wollen Dialog mit Ergebnis", signalisiert er dem Zuschauer: Die Krisendiplomatie im Nahost-Konflikt ist bei mir in sehr guten Händen. Er analysiert die Lage gründlich, bevor er redet, gar handelt. In diesem Punkt ist er nahe bei Kanzlerin Angela Merkel.
Während andere weiter den Urlaub genossen oder versuchten, sich im Schatten der Eskalation zu profilieren, hat Steinmeier unaufdringlich die Krise im Nahen Osten als persönliche Chance begriffen. Er beendete seinen Urlaub auf Malta und fing an, seinen Job zu erledigen: Außenpolitik zu betreiben, Reise- und Gesprächsdiplomatie auf höchsten Ebenen. Schließlich geht es um einen der gefährlichsten Brennpunkte dieser Welt. Dreimal war er inzwischen im Nahen Osten. Selbst die Opposition zollt ihm dafür Lob: "Er macht es gut", urteilen Politiker von FDP und Grünen. Mit dem Konflikt im Libanon hat Steinmeier endlich eine außenpolitische Linie einschlagen können, nachdem die Kanzlerin zunächst das diplomatische Parkett für sich beanspruchte; jetzt ist er in der Lage, eigene Akzente zu setzen. Vorgänger Joschka Fischer schaffte es, aus dem unwichtigsten Kommuniqu&eacu te; noch mit zerknittertem Gesichtsausdruck und kratzender Stimme eine Vision zu entwickeln. Das offenbarte aber auch stets die frühe Abgehobenheit des Grünen. Steinmeiers Stil ist das nicht - er ist kein Visionär, er ist ein gewiefter Taktiker, zweifellos. Für ihn ist jedoch das Geheimnis guter Außenpolitik in Souveränität und nicht in Eitelkeit zu suchen.
Die ersten Monate von Steinmeiers Amtszeit waren davon geprägt, dass er aus Sicht der Öffentlichkeit nur reagieren und wenig agieren konnte. Erst die Geiselnahmen von Susanne Osthoff, der Familie Chrobog, schließlich der Leipziger René Bräunlich und Thomas Nitschke. Alle Fälle fanden zwar auf leisen Sohlen ein glückliches Ende. Der Außenminister trug die Verantwortung, wurde aber mit dem Erfolg nicht unbedingt identifiziert. Dann die Ungereimtheiten in der Irak-Politik der Regierung Schröder/Fischer und die Affären um den BND. Sie rückten Steinmeier ins vermeintliche Zwielicht der Vergangenheit. Plötzlich war er wieder der "Kanzlerflüsterer" von Gerhard Schröder am Merkelschen Kabinettstisch. Für Steinmeier war es ein holpriger Start im neuen schwarz-roten Gewand. Er überstand dies unbeschadet, woran nur wenige in Berlin geglaubt hatten.

Beliebtester Politiker
Eigentlich ist der Sohn eines Tischlers nur eine Notlösung für das Amt des Außenministers gewesen. Peter Struck wollte oder konnte nicht mehr, der damalige SPD-Chef Matthias Platzeck fühlte sich nicht berufen. Inzwischen belegt Steinmeier Platz eins in der Beliebtheitsskala, was für einen Außenminister jedoch nicht sonderlich ungewöhnlich ist. Das ist deutsche Tradition, selbst der dröge Klaus Kinkel (FDP) schaffte dies. Manche sehen in Steinmeier sogar schon einen potenziellen SPD-Kanzlerkandidaten 2009, obwohl er nie wirklich verankert war in der Partei. Vor allem nicht emotional. "Der könnte das", soll Gerhard Schröder mal gesagt haben. "Für die Debatte sehe ich keinen zeitlichen Anlass", betont Steinmeier. In der Politik kann so ein Zeitpunkt allerdings schneller kommen, als man denkt.