500 überwiegend betagte Besucher haben an diesem Mittwochabend den Weg dorthin gefunden. Es ist 18.30 Uhr. Als Egon Krenz mit Aktenmappe unterm Arm aufs Podium schreitet, gibt es donnernden Applaus. Diese Buchpremiere - soviel ist klar - ist ein Heimspiel. Egon Krenz, letzter Partei- und Staatschef der DDR, wird nicht zu Kreuze kriechen. "Denen", über die er konstant in der dritten Person spricht, schon gar nicht. Denen - das sind Kanzlerin Angela Merkel (CDU), der frühere Ost-Berliner Pfarrer Rainer Eppelmann und viele andere. Krenz ist gekommen mit seinen "Gefängnis-Notizen". Einem Buch, das seine Gefängniszeit nach der Verurteilung 1997 wegen der Mitverantwortung für die Mauertoten beschreibt, vor allem aber seine Sicht der Dinge. Es geht aber nicht zuerst um das Buch. Diese Premiere ist vielmehr Balsam für die Seelen der Besucher. "Es ist meine Wortmeldung zum Jahr 1989", sagt der 71-Jährige trotzig und hebt an zu einer Grundsatzrede. Es wird die letzte Regierungserklärung der DDR. Von Mauer und Grenzöffnung Mit donnernder Stimme und in die Zwischenansprache "liebe Genossen" übergehend referiert er, zitiert Archivvermerke, US-Präsidenten, Schriftsteller und den sowjetischen Botschafter in der DDR, Wjatscheslaw Kotschemassow. Er spricht über die Mauertoten als Folge einer "Systemgrenze" zwischen Ost und West. Und Krenz stellt klar, dass der 9. November 1989 kein Mauerfall, sondern eine durch ihn verantwortlich gestaltete Grenzöffnung gewesen sei. Geplant für den 10. November. Die sei nur gefährdet worden, weil Politbüromitglied Günter Schabowski in der legendären Pressekonferenz sie wegen einer "Unkonzentriertheit" vorverlegt habe. Überhaupt Schabowski. Allein der Name des Abtrünnigen erregt den Unmut der Besucher. Aber Krenz, der den DDR-Grenztruppen für ihre Arbeit dankt, beruhigt. "Entweder er hat damals geheuchelt, oder er tut es heute." Applaus brandet auf. "Niederlage meines Lebens" Als eine Frau nach den Feiern zum 20. Jubiläum der Einheit fragt, schallt es von hinten: "Wir feiern nicht!" Krenz nennt das Ende der DDR "die Niederlage meines Lebens". "Eine wunderbare Losung" sei dagegen 1989 die Forderung "Wir sind das Volk" gewesen. Krenz spricht von mangelndem Respekt gegenüber sich, seinen politischen Weggefährten und den DDR-Bürgern. Und davon, dass er zunächst dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow vertraut habe - heute sieht er das ganz anders. 1989 also: Gewalt gegen das eigene Volk sei damals nicht geplant gewesen, weil dies in der Weltanschauung von Sozialisten nicht vorgesehen sei. Er sagt auch: "Jeder hat das Recht, sich so zu erinnern, wie er sich erinnern möchte." Egon Krenz, an diesem Abend ist er nochmal ganz der Staatschef. Er, der sie alle gekannt hatte. Und die ihn jetzt nicht mehr grüßen. Er, der im Gefängnis unter Mördern einsitzen musste. Es hat ihn nicht verbogen, er ist dabei "kein Weichei" geworden. Natürlich gebe es eine Justiz der Sieger, es sei ein Urteil gesprochen worden, das vorher festgestanden habe. Als ihn ein Mann fragt, ob er zu den vorgetragenen "neuen historischen Darstellungen zur Mauer" auch über neue Erkenntnisse verfüge, verneint Krenz. Dann meldet sich ein junger Mann zu Wort, zu DDR-Zeiten wegen versuchter Republikflucht in U-Haft. "Wissen Sie, wann ich da das erste Mal einen Anwalt gesehen habe?" Da zuckt Krenz kalt mit den Achseln. "Nirgendwo geht es nur gerecht zu."