Der Himmel über Krakau leuchtete am Sonntag wolkenlos blau. Doch zum Staatsbegräbnis von Präsident Lech Kaczynski und seiner Frau Maria hatten die meisten der ausländischen Gäste nicht anreisen können. Die Aschewolke aus einem Vulkan in Island hatte einen Flug unmöglich gemacht. "Ich weiß nicht, was das soll!", stöhnte Waldemar Nowak vor der Marienkriche in Krakau enttäuscht. "Boykottiert uns jetzt die westliche Welt? Wissen die vielleicht etwas, was wir noch nicht wissen?" Tatsächlich ist die Ursache für den Flugzeugabsturz der polnischen Präsidentenmaschine in Smolensk noch ungeklärt. Unter den Klängen des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozart zogen Polens Bischöfe feierlich in die Marien-Kathedrale ein. Dort waren alle 600 Plätze für Familienangehörigen und Freunde des verstorbenen Präsidentenpaares reserviert, für die polnischen Minister und Abgeordneten sowie ausländische Gäste. So waren aus Berlin Bundespräsident Horst Köhler und seine Frau sowie Außenminister Guido Westerwelle mit dem Hubschrauber angereist. Aus Moskau kam Russlands Präsident Dmitri Medwedew, nicht nur, um eine Kerze für seinen tödlich verunglückten Amtskollegen anzuzünden, sondern um das Mitgefühl des russichen Volkes zum Ausdruck zu bringen. Kurzfristig abgesagt hatten hingegen Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Barack Obama, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Erzbischof Angelo Sodano aus dem Vatikan, der die Trauerfeier zelebrieren sollte. Sichtbarer ProtestStatt der erwarteten eine Million Polen kamen nur knapp 100 000 zur Trauerfeier nach Krakau. Zudem trugen sie zumeist bunte Mäntel und Jacken, keine schwarze Trauerkleidung wie die Warschauer in der letzten Woche.Viele Polen missbilligen die Entscheidung des Krakauer Kardinals Stanislaw Dziwisz, den gebürtigen Warschauer Lech Kaczynski in der Königsgruft des Wawel-Schlosses beizusetzen. Kaczynski hat sich für Warschau verdient gemacht, mit Krakau verbindet ihn nichts. Der Wawel in Krakau gilt den Polen als Nationalheiligtum. Dort liegen Könige, Heilige und Nationalhelden, keine Präsidenten. Ganz anders wirkte die Trauerfeier am Tag zuvor in Warschau. Punkt 8.56 Uhr heulten in ganz Polen die Sirenen, Glocken läuteten. Auf den Straßen blieben die Menschen stehen, Autos hielten an. Am Samstag vor genau einer Woche war um 8.56 Uhr die Maschine mit Polens Präsidenten und seiner Frau an Bord sowie weiteren 94 polnischen Politikern, Geistlichen und hohen Beamten in Russland abgestürzt. Niemand hatte überlebt. Auf dem Pilsudski-Platz in Warschau versammelten sich rund 100 000 Menschen aus ganz Polen. "Das Ausmaß dieser Tragödie, der größten in der Geschichte Nachkriegs-Polens, übersteigt unsere Fähigkeit, sie zu verstehen", sagte Polens Premier Donald Tusk vor einem großen weiß gestrichenen Holzkreuz. Es liege nun an allen Polen, das durch die gemeinsame Trauer entstandene Gefühl der nationalen Einheit möglichst lange in den Herzen zu tragen. "Wir müssen auch die größte Herausforderung bestehen. Die Hoffnungen, Gedanken und Träume der Verstorbenen richtig zu lesen und weiterzutragen. Das ist das Größte, was wir heute für sie tun können." Der Pilsudski-Platz im Zen trum Warschaus hat für Polen eine besondere Bedeutung. Auf seiner ersten Heimatvisite im Jahre 1979 hielt Papst Johannes Paul II. hier eine historische Predigt. Er machte den Polen Mut. Sie sollen nicht verzweifeln, sondern solidarisch gegen das kommunistische System zusammenhalten. Dann werde ihnen Gott helfen. Salutschüsse und StilleAn diese historische Predigt erinnerte Bronislaw Komorowski, Polens Parlamentspräsident, der seit dem Tod Lech Kaczynskis kommissarisch die Pflichten des Staatsoberhauptes übernommen hat. Unter den Toten der Unglücksmaschine waren viele, die in der Freiheitsbewegung Solidarnosc gekämpft hatten. Jetzt sahen sie von großen Fototafeln auf die Trauernden herunter, lächelnd, fröhlich - aber in Schwarz-Weiß. "In diesen für unser Vaterland schwierigen Tagen sind wir nicht allein", tröstete Komorowski die Trauernden. Kaczynski und seine Delegation hätten sich auf den Weg nach Katyn gemacht, um an die Wahrheit zu erinnern. Dabei seien sie tragisch gestorben. "Hoffen wir, dass die Welt dank dieses neuen Opfers die Wahrheit über Katyn nie wieder vergisst", mahnte Komorowski. "Gott, segne unser freies Vaterland." Dreimal hoben Soldaten das Gewehr zum Salut. Dann herrschte wieder Stille.