"Wir haben dafür keine Vorbilder", sagt der wissenschaftliche Geschäftsführer des Dortmunder Instituts für Gerontologie, Eckart Schnabel. Er warnt davor, die alternde Gesellschaft auf Kranke und Pflegefälle zu reduzieren: "Die meisten Alten leben noch in einer gewissen Unabhängigkeit." Gerhard Reutter vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung stellt fest: "Die Betriebe haben den demografischen Faktor bisher noch kaum berücksichtigt."

25 Jahre als Rentner leben
Ein jetzt ein oder zwei Jahre altes Mädchen kann nach einer neuen Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von bis zu 90,4 Jahren rechnen. Damit hätte diese Frau noch rund 25 Jahre vor sich, wenn sie mit 65 Jahren in den Ruhestand ginge. Bei einem Mann des Jahrgangs 2004 wären es noch fast 20 Jahre. "Was machen wir mit dem ganzen Potenzial„ Auf diese Frage ist die Gesellschaft gar nicht vorbereitet", stellt Schnabel fest. Derzeit arbeiteten von den Beschäftigten mit mittlerer Qualifikation im Alter von 55 bis 64 Jahren nur noch etwa 40 Prozent. Sie hätten künftig rein rechnerisch noch 30 oder 40 Jahre vor sich. "Eine unglaubliche Zeitspanne."
"Es ist eine große Herausforderung für die Betriebe, die über 50-Jährigen viel stärker ins Boot zu holen", sagt Reutter. Dafür gebe es bislang jedoch bloß einige Modellversuche. Vor allem kleinen und mittleren Unternehmen fehle eine strategische Personalpolitik. Sie wüssten zwar, dass sie in wenigen Jahren ihre Fachkräfte nicht neu schöpfen könnten, "viele wissen aber selbst nicht, wo sie in zwei Jahren am Markt stehen". Reutter verlangt ein neues Lernverständnis. "In vielen Betrieben wird der, der lernt, immer noch als defizitär begriffen, nach dem Motto: Der hat es nötig. Statt zu begreifen, wie notwendig das Lernen ist."
Um ältere Arbeitnehmer länger in den Betrieben halten zu können, müsse es mehr Weiterbildungsangebote geben, die neben fachlichen Fragen etwa auch Stressbewältigung einbezögen, sagt Bernd Passens vom Deutschen Volkshochschul-Verband. Für die Zeit nach dem Erwerbsleben seien Angebote wichtig, die gesellschaftliches Engagement ermöglichten. Außerdem seien Fortbildungen über Unterstützungsangebote für ein langes Leben in der eigenen Wohnung gefragt.
Alterspsychotherapeut Hartwig Wennemar betont: "Das Vorbereiten aufs Alter ist enorm wichtig. Viele gehen einfach aus dem Beruf raus und haben plötzlich nichts." Mit geistiger und körperlicher Beschäftigung nach dem Erwerbsleben ließe sich viel Zufriedenheit erlangen. "Entscheidend ist nicht die Frage, wie alt werde ich, sondern wie werde ich alt." Der Psychologen rät: Initiative ergreifen, sich bloß nicht hängen lassen, eigene Fähigkeiten selbstbewusst in einem neuen Umfeld einbringen und soziale Kontakte knüpfen. "Man kann im Alter sehr zufrieden sein, wenn man was dafür tut. Dabei ist die gelebte Vergangenheit die Wegzehrung für die Zukunft."
Die Gesellschaft brauche neue Organisationsformen, ist Schnabel überzeugt. "Wir müssen alte Begriffe wie Solidarität, Engagement und Koproduktion ein bisschen entstauben und mit Inhalt füllen." Als Beispiele nennt er die Unterstützung von Nachbarn und neue Lebensformen wie Senioren-Wohngemeinschaften oder Häuser, in denen mehrere Generationen unter einem Dach Platz haben. Soziale Dienstleistungen müssten zudem stärker auf ihre Qualität überprüft werden: "Wie effektiv sind sie“ Ist der Ressourcenverbrauch angemessen„ Und sind sie wirklich am Patienten orientiert“"

Prävention ab dem Kindesalter
Damit die Kosten im Gesundheitssystem mit dem wachsenden Anteil immer älterer Menschen nicht völlig ausuferten, komme es darauf an, schon vom Kindergarten an Präventionsmodelle zu erarbeiten, fordert Schnabel. Derzeit würden im Gesundheitswesen beispielsweise 15 Prozent für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgegeben - Krankheiten, bei denen eine gesunde Lebensweise viel verhindern könne. "In die Prävention fließen aber nur vier Prozent."