Ein Schlot von einst drei je 300 Meter hohen Schornsteinen des Kraftwerkes Jänschwalde bei Cottbus ist nur noch ein Stumpf. Stück für Stück ist der 30 000 Tonnen schwere Koloss abgetragen worden. Er, wie auch die anderen beiden Riesen-Essen des 3000-Megawatt-Braunkohlekraftwerkes, die 20 Jahre lang die Landschaft prägten, giftige Gase und Staub in die Luft schleuderten, haben ausgedient. Inzwischen entweichen die gereinigten Abgase als dicke weiße Dampffahnen durch die Kühltürme in die Atmosphäre.
"Seit 1990 haben wir in Jänschwalde und in anderen Kraftwerken den Kohlendioxidausstoß um 50 Millionen Tonnen verringert", sagt Peter Poppe, Sprecher der Vattenfall Europe AG in Berlin. Auch der Anteil von Stick- und Schwefeloxiden sowie Staub ging beträchtlich zurück, so Poppe. Über neun Milliarden Euro haben Vattenfall und die im schwedischen Konzern aufgegangenen Vorgänger Veag und Laubag in die Modernisierung alter Brikettfabriken und Kraftwerke sowie in neue Veredlungsanlagen vor allem in der brandenburgischen und sächsischen Lausitz, in Jänschwalde, Boxberg oder Schwarze Pumpe, investiert.
Fast ohne Staub
Die Luftqualität verbessert sich in Brandenburg wie in Sachsen und Sachsen-Anhalt seit zehn Jahren, verkünden die Umweltministerien und die Umweltämter der drei Länder übereinstimmend. In Brandenburg, das belegt eine Studie zur "Luftqualität 1991 bis 2000 – ein Überblick für das Land Brandenburg", ist der Ausstoß von Schwefeldioxid aus stationären Anlagen und dem Straßenverkehr um 94 Prozent zurückgegangen, der von Staub um 99 Prozent gesunken.
In der Studie gibt es für die Veränderungen beeindruckende Grafiken. Während sich die Belastungen für Regionen wie Frankfurt (Oder), Brandenburg an der Havel oder auch Schwedt noch innerhalb der brandenburgischen Landkarte anhand von Säulen darstellen ließen, so sprengten sie damals für den Raum Cottbus alle Grenzen. "Heute lässt es sich auch in der Lausitz gut Luft holen", stellt der Präsident des brandenburgischen Landesumweltamtes, Matthias Freude, fest. Er kommt sogar fast ins
Schwärmen. "Es ist unglaublich, was sich in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. Das merkt man bei jedem Atemzug."
Der für den Arbeitsmarkt schmerzliche Prozess der technischen Umgestaltung und Erneuerung der Wärme- und Energieerzeugung tat der Luft sehr gut. Die Emissionen allein durch die Indus-trie, also die Abgabe von Schadstoffen an die Luft, gingen bis zum Jahre 2000 bei Schwefeldioxid um 68, bei Staub um 75 und bei Stickstoffoxiden um 17 Prozent zurück. Die ostdeutschen Kraftwerke reduzierten die Kohlendioxidabgabe seit 1990 um 30 Prozent. Im Heizkraftwerk Cottbus werden durch die Kopplung moderner Technologie gegenüber herkömmlicher Kohleverstromung zehn bis 15 Prozent Brennstoffe eingespart. Die Schwefelemissionen bei der Verbrennung können um 90 bis 98 Prozent reduziert werden. In der BASF Schwarzheide ist die Gesamtemission im Jahre 2000 auf 4,6 Prozent, bezogen auf das Vergleichsjahr 1991, gesunken.
Kohleöfen sind fast Geschichte
Vattenfall-Sprecher Peter Poppe räumt ein, "dass der hohe spezifische Kohlendioxid-Ausstoß von Braunkohlekraftwerken" gegenüber anderen Brennstoffen wie Gas und Öl auch bei der insgesamt guten Bilanz nicht wegzudiskutieren sei. Im vergangenen Jahrzehnt habe sich allerdings der Wirkungsgrad der Kraftwerke um zehn auf heute gut 40 Prozent erhöht. Bei sinkendem Brennstoffeinsatz kann dadurch die gleiche Menge Strom erzeugt werden. Die Vattenfall-Gruppe arbeite inzwischen an der
Vision von kohlendioxidfreien Braunkohlekraftwerken. Technisch sei das im Prinzip machbar, so Poppe, allerdings in diesem Jahrzehnt aus Kosten- und Standortgründen wohl nicht mehr zu verwirklichen.
Dass die Luft in der Region sauberer geworden ist, hat, wie die Zahlen belegen, nicht nur mit der Beseitigung der großen "Dreckschleudern" zu tun. Die gute alte Ofenheizung ist in Sachsen wie Brandenburg fast Geschichte. Beim größten brandenburgischen Wohnungsvermieter, der Gebäudewirtschaft Cottbus, stehen in nur noch neun Prozent der 22 600 Wohnungen Kohleöfen. Die Hälfte davon wird nicht benutzt, weil sie in unbewohnten Altbauten stehen.
In Sachsen ist die Zahl der herkömmlichen Kohleheizungen um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Der Verkauf von Briketts ist "mittlerweile ein Nischengeschäft", sagt Joachim Laue vom Sächsischen Brennstoff- und Mineralstoffhandelsverband.
Widersprüchlich verläuft die Entwicklung im Straßenverkehr. Die brandenburgische Studie zur Luftqualität ergab, dass mit der Einführung des Drei-Wege Katalysators für Pkw die Stickstoffemissionen um 15 Prozent sanken. Der Rückgang wurde durch die starke Zunahme des Verkehrs, insbesondere der Lkw-Fahrten, allerdings wieder vernebelt. In Brandenburg gab es 1993 rund 1,2 Millionen Kraftfahrzeuge. Im vergangenen Jahr waren bereits über 1,65 Millionen Motorräder, Autos, Busse und Lkw auf den Straßen unterwegs. Mit 22 Milliarden Kilometern wurden im Jahr 2000 doppelt so viele Kilometer "geschrubbt" wie zehn Jahre zuvor.
Noch wesentlich mehr Betrieb ist auf den Straßen in Sachsen. Die Verkehrsdichte nahm von zwei Millionen Kraftfahrzeugen im Jahr 1993 auf über 2,6 Millionen im vergangenen Jahr zu. Der Straßenverkehr ist nach Ansicht von Michael Kinze, Präsident des Sächsischen Landesamtes für Umwelt und Geologie, für die wachsende Ozonbelastung im Freistaat verantwortlich. Seit 30 Jahren nimmt die Ozonkonzentration zu, vor allem in den höheren Lagen des Erzgebirges, aber auch im flachen Land. An der Messstelle in Hoyerswerda wurde der Acht-Stunden-Höchstwert im Jahrhundertsommer 2003 an 40 Tagen überschritten.
Auch in Brandenburg sind nach Ansicht von Helmut Stahl, Abteilungsleiter Immissionsschutz im Landesumweltamt, "die Einflüsse aus dem Straßenverkehr zum Kernproblem" geworden. Einst hoch belastete Gebiete wie die Lausitz gebe es nicht mehr, stellt Helmut Stahl fest. "Wir haben aber heute auch keine Reinluftgebiete mehr in Brandenburg. Die zunehmende Verkehrsdichte trifft alle Regionen. Früher sind die Leute aus der Lausitz wegen der guten Luft an den Stechlinsee gefahren. Jetzt messen wir dort kaum noch andere Werte als in Spremberg."
Nicht überall können Brandenburger wie Sachsen unbeschwert tief Luft holen. Staubpartikel, die kleiner sind als ein Zehntel der Dicke eines Haares, schwirren durch die Gegend und alarmieren die Experten. Sie dringen bis in feinste Verästelungen der Lungen. Husten ist noch die harmloseste Auswirkung. "Vor allem in den innerstädtischen Bereichen ist die Belastung erheblich", schätzt Helmut Stahl ein. Das unterstreichen Messungen beispielsweise in der Cottbuser Innenstadt. "In der Bahnhofsstraße wurden die ab 2005 geltenden EU-Grenzwerte im vergangenen Jahr um das Dreifache überschritten", sagt Martin Kühne, Referatsleiter in der Cottbuser Außenstelle des Landesumweltamtes. Selbst die für 2003 geltenden höheren Werte wurden noch deutlich übertroffen. Mit der Stadtverwaltung werde es demnächst erste Gespräche geben, um den in solchen Fällen von der EU geforderten Luftreinhalteplan zu erarbeiten. Schwerpunkt müsse sein, Lkw über 3,5 Tonnen aus der Innenstadt zu verbannen. Ähnliche verkehrsbedingte Umweltbelastungen gibt es nach Aussage von Martin Kühne in Bad Liebenwerda, Forst, Freienhufen,
Lauchhammer, Lübben, Spremberg, Senftenberg und Peitz. Der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude, warnt: "Diese Feinstäube sind hoch gefährlich. Sie stammen vor allem vom Diesel und dabei nicht mal von den alten Ackerschleppern, sondern von modernen Dieselfahrzeugen. Jährlich sterben in Deutschland an den Auswirkungen Tausende Menschen."
Stickstoffoxide aus Auspuffanlagen von Kraftfahrzeugen sowie Stickstoff-Emissionen aus der Landwirtschaft belasten zunehmend auch den Wald. Die Böden haben inzwischen mehr als genug davon, wird im jüngsten Waldzustandsbericht für Brandenburg und Berlin festgestellt. Stickstoff dringt ins Grundwasser, gasförmige Stickstoffdämpfe steigen aus dem Waldboden auf und verbinden sich mit Sauerstoff zu Lachgas. Das sei 310mal schädlicher für das Klima als Kohlendioxid, heißt es im Waldzustandsbericht weiter.
Gute Luft hat eine Kehrseite
Sachsens Umweltminister Steffen Flath äußerte jüngst seine "Sorge über den Wandel bei den Schadstoffen". Während Schwefel in der Luft weiter abnehme, würde Stickstoff aus Verkehr und Landwirtschaft eine zunehmend größere Rolle spielen, so der Minister. Im Freistaat wurden zwischen 1991 und dem Jahr 2002 knapp 200 000 Hektar Wald gekalkt, um der Übersäuerung der Böden entgegenzuwirken.
Anders als in Sachsen hatten die Forstleute im brandenburgischen Rüdersdorf bis vor einigen Jahren mit saurem Waldboden keine Probleme. Da rieselte der Kalk vom ortsansässigen Zementwerk in Massen hernieder. "Jetzt ist der Staub weg und die Waldschäden in diesem Bereich können nicht mehr so abgepuffert werden", nennt Matthias Freude eine kuriose Kehrseite der guten Luft.