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| 01:30 Uhr

Die Lausitzer Erben des Computer-Vaters Konrad Zuse

Der Computerpionier und seine ihn ehrende Heimatstadt: Konrad Zuse im September 1989 vor dem Nachbau des Z 1, als begeisterter Maler und vor der Zusestraße in Hoyerswerda. Fotos: dpa/Klein/privat
Der Computerpionier und seine ihn ehrende Heimatstadt: Konrad Zuse im September 1989 vor dem Nachbau des Z 1, als begeisterter Maler und vor der Zusestraße in Hoyerswerda. Fotos: dpa/Klein/privat
Hoyerswerda. 100 Jahre alt wäre Konrad Zuse am heutigen 22. Juni geworden. Der Vater des Computers hat mit seinen Erfindungen und Patenten die Welt verändert. In der Lausitz hat er sein Abitur abgelegt. Mitte der 1920er-Jahre war der Hoyerswerdaer Gymnasiast fasziniert von der gewaltigen Bergbautechnik im Braunkohlenrevier. Hier ist der Grundstein für seinen späteren Wissensdrang und Forschergeist gelegt worden . Von Sascha Klein

Vor Horst-Dieter Brähmig liegt ein riesiger Papierstapel: Manuskripte, Fotos, Festschriften. Bilder von Konrad Zuse vor einem Hoyerswerdaer Straßenschild, das seinen Namen trägt, Konrad Zuse während eines Empfanges. Alles 15 Jahre her. Es sind Erinnerungen an ein Genie seiner Zeit.

Brähmig ist von 1994 bis 2006 für die PDS Oberbürgermeister gewesen. In seiner Amtszeit wurde aus Hoyerswerda – heute Große Kreisstadt im Kreis Bautzen – die kreisfreie Konrad-Zuse-Stadt. „Er war Kundschafter einer der künftigen Haupttrassen, auf der jetzt weitergearbeitet wird“, resümiert Brähmig, während er in den Fotos blättert. Dabei sei Zuse nicht nur Erfinder und Maler gewesen, sondern auch ein charmanter und aufgeschlossener Gesprächspartner. „Schauen sie mal, wie spitzbübisch Zuse hier guckt“, sagt er. Das Bild zeigt den Computervater und Brähmig vor der alten Post im Herzen der Hoyerswerdaer Altstadt. Dort hat Zuse mit seinen Eltern und seiner Schwester von 1923 bis 1928 gewohnt. Heute erinnert eine Metalltafel am Haus daran.

Tagebautechnik beeindruckt

In diesen Jahren muss Zuses Leidenschaft für Technik gewachsen sein. Die Lausitz bot dem damals 15-Jährigen ideale Voraussetzungen. Rund um Hoyerswerda begann der Boom des Braunkohlenbergbaus. Aufzeichnungen zufolge ist Konrad Zuse beeindruckt von der Tagebautechnik gewesen. „Natürlich ist Hoyerswerda deshalb nicht die Wiege des Computers“, sagt der frühere Oberbürgermeister. Aber es könnte der Ort der Stunde null von Zuses Forscherdrang sein.

Brähmig war von dem Mann mit der großen Brille und den weißen Haaren fasziniert – und ist es noch. Dabei sei dieser, sagt der 71-Jährige, nicht der klassische Geschäftsmann gewesen, der wusste, wie er sein Produkt perfekt vermarktet. Zuse sei vielmehr immer ein Visionär geblieben, ein Mann, der bereits weiter gedacht hatte als die meisten anderen.

Hoyerswerda wollte und will sich mit Konrad Zuse schmücken. Der hatte es geradezu darauf angelegt: „Nutzen Sie meinen Namen schamlos aus“, hatte er Brähmig im Jahr 1995 geraten. Damals, am 18. September vor 15 Jahren, war das Konrad-Zuse-Computermuseum eröffnet worden: vom Namensgeber selbst. Schon damals war der Standort eine Notlösung gewesen. Noch heute ist es in einem weiß getünchten Plattenbau im Hoyerswerdaer Industriegelände zu Hause, direkt neben einem Einkaufsmarkt. Wer nicht weiß, dass sich dort Original-Maschinen Zuses und viele Bilder des Künstlers Zuse befinden, würde von selbst nicht dort hinfahren.

Genau das ist das Problem. Auch Frank Köpnick, Geschäftsführer des Vereins Konrad-Zuse-Forum Hoyerswerda und damit Chef des Museums, ist dieser Standortnachteil bewusst. Drinnen hui, draußen pfui. In den Räumen des Computermuseums können Besucher über die fünf Originale aus Zuses Feder staunen. Riesige Maschinen stehen in inzwischen viel zu engen Räumen. Zuses Z 11, Z 22, Z 22 R, Z 23 und Z 64 zeugen von der Entwicklung der Rechentechnik zwischen 1950 und 1965.

Dabei, so erzählt man, sei Zuse während seines Bauingenieurstudiums in Berlin zunächst nur zu bequem gewesen, immer die gleichen baustatischen Berechnungen durchzuführen. Aus dieser Idee entstand bis 1938 die erste Rechenmaschine, die Ur-Ur-Großmutter jener Geräte, die in den meisten Ländern der Erde heute in fast jedem Haushalt stehen.

In Hoyerswerda hat das umfangreiche Computermuseum noch kein endgültiges Zuhause gefunden, seit fast zehn Jahren wird nach einer Dauerlösung gesucht.

Nun hofft Horst-Dieter Brähmig, der Vorstandsvorsitzender des Konrad-Zuse-Forums Hoyerswerda ist, endlich einen geeigneten Ort gefunden zu haben. Im Zentrum der Neustadt soll es einmal beheimatet sein, sichtbar für Einheimische und Gäste. Ob sich das Projekt in einem der Plattenbauten verwirklichen lässt, ist allerdings noch offen. Brähmig ist jedoch guter Dinge.

Blinkende Erinnerung

Drei Minuten Fußweg vom Neustadt-Zentrum entfernt, leuchtet das Erbe Zuses bereits täglich in blau und grün. Die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda hat im Jahr 2009 einen Elfgeschosser zum „Zuse-Haus“ umgebaut und lässt diesen in den Abendstunden durch Licht-Emitter-Dioden wie Computer-Lämpchen blinken. 800 000 Euro hat die Investition gekostet. Das Haus ist zu einem überraschenden Blickfang geworden, neben dem „Lausitz-Tower“ genannten Hochhaus, das dem „Zuse-Haus“ schräg gegenüber steht. Das Besondere an dem sanierten Neubau-Block ist neben den Leucht-Dioden ein abstraktes Zuse-Bildnis an der Stirnseite des Gebäudes und eine goldene Skulptur namens „Laptopper“. An diesem Kunstwerk gibt es eine W-Lan-Verbindung. Wer sich bei der Wohnungsgesellschaft anmeldet, kann diese im nahen Umkreis des Hauses nutzen. Es ist eines der deutlichen Zeichen, das Hoyerswerda mit dem Computervater verbindet. Zuerst kommen Hoyerswerda-Besucher jedoch an den silbernen Ortseingangsstelen vorbei, die der Seidewinkeler Metallgestalter Manfred Vollmert geschaffen hat. „Willkommen in der Konrad-Zuse-Stadt Hoyerswerda“ steht dort in großen Lettern.

Horst-Dieter Brähmig arbeitet als Oberbürgermeister a.D. weiterhin an dem Auftrag, den ihm Konrad Zuse vor 15 Jahren persönlich erteilte. „Natürlich wissen wir, dass Ortseingangsstelen nicht ausreichend sind“, sagt er. „Wir müssen das Thema auch auf das Seenland übertragen.“ Eventuell, indem künftig ein Boot nach Zuse benannt wird. Das kann sich der 71-Jährige als eine der öffentlichkeitswirksamen Dinge vorstellen. Immerhin spiegele auch das Seenland Visionen wieder – da wäre eine Verbindung zu Konrad Zuse einfach zu finden. Zuse habe sich, wie auch Hoyerswerda, immer neue Wege gesucht, betont der frühere OB. „Deshalb kann es nicht so sein, dass wir lediglich seinen Namen auf die Briefköpfe drucken“, sagt Brähmig .
Hintergrund:In Hoyerswerda gibt es zu Ehren des 100. Geburtstags von Konrad Zuse eine Reihe von Veranstaltungen. Unter anderem ist am 24. Juni eine Festveranstaltung im nach Zuse benannten Berufsschulzentrum geplant. Am 25. Juni soll es eine lange Nacht zum Thema Zuse geben. Sonderausstellungen laufen zudem im Hoyerswerdaer Lausitz-Center und im Computermuseum. Nähere Informationen gibt es auf den Internetseiten der Stadt Hoyerswerda (www.hoyerswerda.de) und auf den Seiten des Konrad-Zuse-Computermuseums (www.konrad-zuse-computermuseum.net).

Am 22. Juni können sich Briefmarkensammler von 9 bis 17 Uhr in der „Alten Post“, Zuses früherem Zuhause, zur Sonderbriefmarke und Sonderumschlag einen einzigartigen Sonderstempel sichern.
Wer etwas über Konrad Zuse, den Computer-Pionier, erfahren will, stößt im Internet schnell auf seinen Sohn Horst Zuse. Der 64 Jahre alte Berliner verwaltet das Erbe des Erfinders. Der Informatik-Fachmann arbeitet an der Technischen Universität Berlin als Privatdozent .

Herr Zuse, Ihr in Fachkreisen prominenter Vater wäre am heutigen Dienstag 100 Jahre alt geworden. Wie viele Interview-Anfragen haben Sie schon bekommen?

So 50 in etwa. Ich habe aufgehört zu zählen. Es sind viele gewesen und es hört nicht auf. Hinzu kommen noch Mails.

Und sind Sie froh, wenn der Rummel vorbei ist?

Es ist natürlich sehr anstrengend. Und ich habe gerade eigentlich auch andere interessante Projekte. Aber sagen wir es mal so: Er hat's auch verdient. Er hat ja einen guten Job gemacht. Sie haben eben „guter Job“ gesagt. Klingt das nicht ein bisschen lapidar für eine so weitreichende Erfindung?

Na ja, ein guter Job ist ein guter Job. Es ist nicht bös' gemeint. Er hat wirklich tolle Arbeit geleistet – mit vielen Visionen, viel Kreativität und Besessenheit. Es ist schon toll, wie viele Institutionen jetzt aufstehen und sich mit dem Thema beschäftigen. Und nächstes Jahr haben wir noch ein Jubiläum, da wird der Z3 – einer seiner wegweisenden Computer – 70 Jahre alt. Einen Nachbau werden wir am 26. Juni in Hünfeld präsentieren .

Der Job ihres Vaters hat auf Sie abgefärbt.

Als er seine Firma 1949 in Osthessen gegründet hat, durfte ich häufig mit zur Arbeit. Ich war ein interessierter Junge. An den Mann vom Teilelager gab's die Anordnung meines Vaters: „Alles, was nicht gebraucht wird, bitte einpacken. Das nehme ich mit für meinen Sohn.“ Das war viel Zeug. Aber schlechtere Bauteile waren noch gut genug für mich. Mit den Teilen habe ich meine Märklin-Eisenbahn gesteuert. Das hat mich geformt, daher mein Faible für Elektrotechnik .

Trotz der Erfindung: Reich ist ihr Vater nicht geworden . . .

Er ist nicht reich geworden. Er war aber auch nie arm, immer dazwischen, immer im Mittelstand. Da befinde ich mich auch und fühle mich eigentlich ganz wohl.

Mit Horst Zuse sprach Jörn Perske