1990 haben in der Lausitz noch knapp 1,4 Millionen Menschen gelebt. Im Jahre 2012 waren es nur noch 1,1 Millionen. Damit verlor die Region in den vergangenen zwei Jahrzehnten 22 Prozent ihrer Bevölkerung. Am stärksten waren von dem Bevölkerungsrückgang der Landkreis Oberspreewald-Lausitz und die Stadt Cottbus betroffen. Im Zeitraum der Untersuchung durch das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) Dresden (im Auftrag der Wirtschaftsinitiative Lausitz) verringerte sich die Bevölkerungszahl in beiden Regionen sogar um 30 Prozent.

Von Bautzen, über Görlitz, Elbe-Elster, Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz bis Cottbus ist ein dramatischer demografischer Wandel im Gange, der nur am nördlichsten Lausitzer Zipfel, im Landkreis Dahme-Spreewald, weitgehend vorbei geht. Dass die Spitze des Tortenstücks LDS an den Berliner Speckgürtel und den Flughafen Schönefeld andockt, "rettet" den Gesamtkreis - zumindest statistisch. In der Spreewaldregion um Lübben nähern sich die Herausforderungen schon wieder dem Lausitzer Durchschnitt an.

Nach der erwähnten Ifo-Studie aus dem Jahre 2013, die übrigens als einzige spezifische Aussagen zur länderübergreifenden Lausitz trifft, werden sich die wesentlichen Trends der Vergangenheit in Bezug auf Bevölkerungsrückgang und -alterung auch in Zukunft fortsetzen. Die Wissenschaftler sagen voraus, dass die Lausitz von ihren jetzt 1,1 Millionen Einwohnern rund 22 Prozent verlieren wird, um 2030 bei einer Größenordnung von rund 870 000 Einwohnern anzukommen.

Was dies für die Wirtschaft in der Region bedeutet, haben die Ifo-Forscher auf den einfachen Nenner gebracht: "Die Demografie birgt Zukunftsrisiken." Der stellvertretende Leiter der Dresdner Ifo-Niederlassung, Prof. Joachim Ragnitz, zeigte sich von der Branchenvielfalt der Lausitzer Industrie jedoch überrascht. Hier sieht der Autor der Studie, für den der Osten "eine ziemlich arme und strukturschwache Gegend bleibt", durchaus positive Ansätze für die Zukunft. "Es ist ein Vorteil, dass die Industrie der Region von mehreren Branchen getragen wird." So belegt die Studie, dass Bergbau und Energie mit mehr als 23 600 Arbeitsplätzen nach wie vor in der Region dominieren. Was überrascht hatte: Auch die Ernährungswirtschaft (21 00 Arbeitsplätze), Chemie und Kunststoffe (14 500) sowie Metall und Maschinenbau (32 000) gehören zum Wachstumsmotor. Insgesamt gebe es zehn industrielle Kerne mit mehr als 500 Beschäftigten in der Lausitz.

Trotz der positiven Einschätzungen macht die Studie aber auch deutlich, dass die demografische Entwicklung gravierende Spuren hinterlassen werde. So soll der Rückgang der Erwerbspersonen von 2010 bis 2030 mit 36 Prozent weitaus stärker ausfallen, als in der gesamten Bundesrepublik (acht Prozent). Konsequenz für die Ifo-Experten: Nur mit höherer Produktivität kann den drohenden rückläufigen Wachstumsaussichten (minus 0,2 Prozent) entgegengewirkt werden. Wirtschaft und Wissenschaft seien enger zu verknüpfen. Für Ragnitz müsse die "dienende Funktion für die Wirtschaft" stärker zum Tragen kommen. Ein Anliegen auch der neu gegründeten BTU Cottbus-Senftenberg. Dennoch, so Ragnitz, werden aber nicht alle Regionen in der Lausitz an der wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben können: "Die Siedlungsstruktur wird sich verändern."

In Brandenburg wie in Sachsen geht die Politik nach jüngsten Demografie-Berichten davon aus, dass trotz einhergehender enger werdender Finanzierungsspielräume eine allumfassende "Trendumkehr" kein realistisches Ziel sein kann. Die demografischen Veränderungen werden als Tatsache anerkannt. Brandenburgs Staatskanzlei verweist darauf, dass im Land qualitativ hochwertige Rahmenbedingungen geschaffen worden seien, die für Familien mit Kindern attraktiv sind und als wichtiger Standortvorteil wirken.

So könnten sich eine gelebte Willkommenskultur (für Kinder und Eltern wie auch für Zu- und Rückwanderer), Attraktivität und Image einer Region positiv auf die (Wieder)Ansiedlung von Menschen auswirken. Das treffe ebenso auf erkennbare und verlässliche wirtschaftliche Perspektiven und attraktive Arbeitsplätze zu.

Fazit vieler Demografie-Analysen ist allerdings: Von "oben" verordnete und geplante flächendeckende Patentlösungen kann es nicht geben. Vielmehr geht es um flexible und regional angepasste Lösungen. Sachsens Staatskanzlei sieht den Freistaat deshalb auch nicht als Akteur, sondern nur als Stütze. Viele kreative und engagierte Akteure vor Ort seien "mit ihren ausgezeichneten Ideen Vorbild für andere und zeigen Chancen auf". So ist das Soziale Netzwerk Lausitz gGmbH in Weißwasser als Sammelbecken für soziales Engagement tätig. Das Projekt will regionale Unternehmen mit engagierten Vereinen und Organisationen zusammenbringen, um gemeinsam der älteren Bevölkerung in der Region langfristig mit Angeboten wie Kulturtreffs, Mittagstisch oder Ausflügen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Eine Studie des Berlin-Institutes für Bevölkerung und Entwicklung für den Brandenburger Landtag hat den Politikern ins Stammbuch geschrieben, die zu erwartenden Veränderungen offensiv zu kommunizieren. Zudem sei es an der Zeit, Wettbewerbe zur Zukunftsfähigkeit auszuschreiben und Modellregionen zu entwickeln. Das Leben im Reallabor, so die Autoren, könnte Rezepte für die Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit auf deren Wirksamkeit testen. Es wird die These unterstützt, dass der negativ belastete "demografische Wandel" zuerst eine Gestaltungsaufgabe ist - die es anzupacken gilt.