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Die Lausitz nach der Wahl
"Wir sind ein abgehängtes Dorf"

Kundgebung der islamfeindlichen Pegida-Bewegung am 25. September auf dem Neumarkt in Dresden. Betont einmütig haben Pegida und AfD am Montagabend in Dresden den Wahlerfolg der Rechtspopulisten bei der Bundestagswahl gefeiert.
Kundgebung der islamfeindlichen Pegida-Bewegung am 25. September auf dem Neumarkt in Dresden. Betont einmütig haben Pegida und AfD am Montagabend in Dresden den Wahlerfolg der Rechtspopulisten bei der Bundestagswahl gefeiert. FOTO: dpa
Heinersbrück. In Heinersbrück fällt zwei Tage nach der Wahl auf, dass hier keine AfD-Plakate hängen. Die Wahlplakate der SPD an den Lichtmasten sind geknickt, die Plakate der CDU regelrecht zerstört. Mehrfach gebrochen und verdreht hängen sie an den Masten. Simone Wendler

Vor vier Jahren hatten die Christdemokraten hier bei der Bundestagswahl noch eine sichere Hochburg (siehe Infobox). Wahlsieger mit 40 Prozent der Zweitstimmen wurde diesmal in Heinersbrück die AfD.

Auf den ersten Blick sieht der Ort nicht nach Problemen und Unzufriedenheit aus. Die Häuser sind fast alle in Ordnung, manche großen Höfe geradezu herausgeputzt. Doch es gibt keinen Laden mehr und keine Schule. "Wir sind ein abgehängtes Dorf", sagt Christine Schorback, "uns hat man hier vergessen." Sie selbst würde die AfD nicht wählen, sagt die 65-Jährige. Die seien ihr "zu weit rechts".

Aus Gesprächen mit Dorfbewohnern kennt sie aber andere Meinungen: "Die Leute sagen, für uns ist kein Geld da, aber für die Flüchtlinge." Und dass sie jetzt "ein Zeichen" setzen müssten. Christine Schorback glaubt nicht, dass viele sich genau überlegen, wen sie da wählten.

Bernd H. (Name geändert) schiebt seinen Rasenmäher über den Hof. "Jetzt interessiert sich sogar die Zeitung für uns", staunt er. Doch er kann sich kaum vorstellen, dass am Sonntag 40 Prozent der Heinersbrücker bei der rechtsnationalistischen AfD ihr Kreuz gemacht haben. Denn Gründe, mit der Politik unzufrieden zu sein, hat er auch.

Der 63-Jährige ist arbeitslos, bekam schon mal eine Weile Hartz IV, doch er käme nicht auf die Idee, versichert er, die AfD zu wählen: "Die sind mir zu rechtslastig." Er vermutet, dass andere im Ort sich aus einer allgemeinen Proteststimmung heraus für diese Partei entschieden haben.

Gründe für Unzufriedenheit fallen ihm sofort ein: die Kohledebatte, die ausstehende Renten-Angleichung zwischen Ost und West, die Sorge, wo die jüngeren Einwohner in einigen Jahren noch Arbeit finden werden. Viele Junge seien schon weggezogen.

Ein älteres Ehepaar eine Straße weiter zählt noch mehr Gründe für eine diffuse Proteststimmung im Ort auf: das noch immer schlechte Mobilfunknetz, die drohende Kreisgebietsreform, die Diebstähle durch die Grenznähe, die fehlende Polizeipräsenz. "Das summiert sich dann und schaukelt sich auf", sagt der Heinersbrücker. Die AfD habe mit ihren platten Sprüchen diese Stimmungen geschickt aufgenommen. "Die Leute fallen darauf rein", bedauert er.

So wie dieses Ehepaar will fast keiner der Dorfbewohner seinen Namen in der Zeitung lesen, wenn es um die AfD geht. Auch die 29-Jährige nicht, die der Partei ihre Stimme gegeben hat. Aus Protest, wie sie sagt, "weil man nicht mehr auf die kleinen Leute eingeht".

Beschäftigt hat die junge AfD-Wählerin sich mit der Partei vorher nicht. Sie kennt die Spitzenpolitiker genau so wenig wie deren gelegentliche völkisch bis rechtsex treme Ausfälle. Sie habe einen Wahlflyer der AfD gelesen: "Da waren einige gute Aussagen drin." Mit Flüchtlingen, dem zentralen Wahlkampfthema der AfD, hat sie kein Problem: "Die ich bisher kennengelernt habe, waren in Ordnung und bemühten sich." Das hat sie trotzdem nicht davon abgehalten, für die AfD zu stimmen.

AfD-Wähler Heinz B. (Name geändert) denkt darüber ganz anders. "Nur wegen der Flüchtlinge habe ich so abgestimmt", sagt der Selbstständige, der vorher zehn Jahre lang nicht mehr gewählt hat. "Was zu viel ist, ist zu viel, man kann die nicht alle reinlassen und ihnen alles geben." Er ist überzeugt, dass 90 Prozent davon gar nicht in der Lage sind, sich hier zu integrieren.

Heinz B. geht davon aus, dass für die meisten AfD-Wähler das Flüchtlingsthema entscheidend war: "Natürlich, was sonst, so geht es nicht weiter." Andere Gründe für seine Wahlentscheidung hatte er nicht. Von Spitzenkandidat Alexander Gauland und anderen AfD-Politikern und ihren nationalistischen Äußerungen will er nichts wissen. Es sei nur darum gegangen, auf das Flüchtlingsproblem aufmerksam zu machen.

Die Partei werde sich jetzt auch selbst "säubern", glaubt er. Und die anderen Parteien müssten jetzt mit der AfD im Bundestag das Flüchtlingsthema diskutieren. Bisher hätten sie das verweigert.

Ein belebter Ort in Heinersbrück ist um die Mittagszeit die "Bauernstube". Einheimische, Arbeiter und Rentner aus der Umgebung essen hier zu Mittag. Mit Journalisten wollen viele jedoch nicht reden. Schweigend schaufeln sie ihr Essen. Auch zwei Bauern, die nebenan auf der Straße stehen und rauchen, winken sofort ab, wenn sie nach der AfD gefragt werden. "Wir reden nicht, wir haben Pause", sagt einer. Beide drehen sich dann demonstrativ um.

Ein Rentnerehepaar aus Peitz in der Bauernstube ist dagegen gesprächsbereit. Beide sind Mitte 70. "Das waren alles Protestwähler bei der AfD", sind auch sie überzeugt, und das sei auch verständlich. Erst sei die Industrie im Osten platt gemacht worden. "Und jetzt lassen sie uns links liegen", sagt die Frau. Dann erzählen sie von alledem, was sie von kleiner Rente bezahlen müssten.

Nur wenige Sätze braucht es dann, bis der Mann von allein auf die Flüchtlinge kommt. Nichts hätten die hier eingezahlt in irgendwelche Kassen, beklagt er. Aber sie bekämen alles. Und dann auch noch die Sache mit den Frauen, dass sie die hier angrapschten. "Das sind doch Steinzeitmenschen", sagt er wie selbstverständlich. Dann isst er weiter sein Kassler mit Sauerkraut.

Zum Thema:
Die Gemeinde gehört zum Amt Peitz (Spree-Neiße). Der Ort ist vom Tagebau und Kraftwerk Jänschwalde geprägt. Heinersbrück gehört zum sorbischen Siedlungsgebiet. Sorbische Traditionen wie Fastnacht und Hahnrupfen werden bis heute gepflegt. Die Mitglieder des Gemeinderates sind parteilos Die Gemeinde hat rund 600 Einwohner, 492 davon sind wahlberechtigt. Bei der Bundestagswahl 2013 erzielte die AfD in der Gemeinde nur fünf Prozent der Stimmen. Die CDU kam in Heinersbrück selbst auf 49%, im Ortsteil Grötsch sogar auf 63%. (sim)