Es ging ihm gut. Als voll ausgebildeter Hals-Nasen-Ohren Arzt führte Ahmed Machmud ein sorgenfreies Leben. Bis vor einem Jahr lebte der aus Aleppo stammende Syrer in Damaskus, der Hauptstadt des Landes, und praktizierte in einem großen Krankenhaus. Nichts schien seiner Karriere als Arzt im Wege zu stehen, nichts, was er nicht hätte selbst ändern können. Auf den Krieg in seinem Land hat der 32-Jährige aber keinen Einfluss. "Alles läuft chaotisch ab. Jeder schießt auf jeden, an jeder Ecke sitzt ein Spitzel des Geheimdienstes, der dich wegen kritischer Äußerungen ins Gefängnis bringen kann. Dort sind mittlerweile Hunderte einfach verschwunden", klagt er. Als er schließlich den Einberufungsbefehl überstellt bekam, packte er die Tasche und verließ mit zwei seiner Brüder den Orient in Richtung Europa. Der Rest der Familie, auch die Eltern, harren nach wie vor in Aleppo aus.

"Wir sind dankbar hier sein zu dürfen", berichtet unterdessen Karim, ein 20-Jähriger aus Deir ez-Zur. Der Ort liegt unweit der irakisch-syrischen Grenze. Als 2012 der IS nach Syrien vorrückte, überspülte die schwarze Flut auch seine Stadt. Vor wenigen Tagen ging das Bild eines ertrunkenen syrischen Jungen um die Welt. Es folgte ein Aufschrei des Entsetzens. Hassan, Karims Schwager, versteht das nur bedingt. "In Syrien sterben täglich Kinder auf grausamste Weise. Sie werden von Milizen erdrosselt, erschossen, geköpft oder fallen den Fassbomben des Assad-Regimes zum Opfer", berichtet er. Er selbst habe es mit eigenen Augen gesehen. Um dem Terror auszuweichen, seien er und seine Familie quer durch das Land geirrt. Doch nirgends waren sie willkommen. "Wer aus IS-Gebieten flieht, hat einen unsichtbaren Stempel am Leib. Aber wir haben mit diesen Terroristen doch nichts zu tun", betont Hassan mit fragendem Blick.

Ein wohlhabender Mann war auch Smail. Als Kaufmann unterhielt der 50-Jährige drei Geschäfte in Aleppo, handelte mit teueren Stoffen, die er unter anderem aus den Golfstaaten bezog. Ihm und seinen sieben Söhnen fehlte es an nichts, berichtet er, den Rücken an ein Torgestell der Mehrzweckhalle Holzdorf gelehnt. Heute steht Smail vor dem finanziellen Ruin. Seine Geschäfte sind geplündert, eines der Häuser, die ihm gehörten, von einer Bombe getroffen. Schon 2012 sei er mit seiner Familie in die Türkei geflüchtet. "Aber dort behandelten sie uns Araber wie Abschaum", sagt er. Mehr als 14 Stunden schuftete er täglich auf dem Bau, für zehn Euro Tagesgehalt. Mitunter bekamen sie gar nichts. Außer Prügel. Die mussten Smail und sein Sohn Abdel (19) auch in Ungarn einstecken. Polizisten nahmen ihn in Gewahrsam, erzwangen seinen Fingerabdruck zur Registrierung und schickten ihn dann wieder fort. Zwölf Stunden hätten sie ihn zuvor festgehalten und während dessen mit Tritten und Schlägen überzogen. So schnell wie möglich möchte Smail seine Familie nachholen dürfen. Die Söhne sollen hier etwas lernen, ihr Studium beenden und arbeiten. "Wir sind dankbar für eure Hilfe, wollen für unseren Lebensunterhalt aber selbst aufkommen", betont er.

Fußballspielen, Karten klopfen und vor allem Deutsch lernen bestimmen den Tagesablauf der Männer in Holzdorf-Ost. Was sie quält, ist die Ungewissheit vor der Zukunft. Wie lange bleiben sie hier, wann dürfen sie in ein eigenes Quartier ziehen, wann kommt die Familie und wie lange müssen sie warten, um endlich arbeiten zu dürfen? Allein in Holzdorf sind mehrere Ärzte, Ingenieure und IT-Spezialisten untergebracht. Fachkräfte, die Deutschland angeblich doch so dringend braucht.