Gipfel auf den Azoren: Der britische Premierminister Tony Blair, US-Präsident George W. Bush und Spaniens Regierungschef José María Aznar (v. l.) berieten gestern über das weitere Vorgehen.Nach dem Irak-Gipfel auf den Azoren tickt die Kriegsuhr lauter und schneller denn je. Politische Beobachter in Washington wollten nicht ausschließen, dass sich US-Präsident George W. Bush schon heute Abend an Nation und Welt wenden könnte, um offiziell das endgültige Scheitern der diplomatischen Bemühungen im Irak-Konflikt zu verkünden. In einem Zeitrahmen von 48 oder auch 72 Stunden - je nachdem, wie viel Vorwarnzeit UN-Inspekteure zum Verlassen des Landes brauchen - könnte dann der Krieg beginnen.

Mini-Frist nur demonstrativ
Offizielle Reaktionen aus den Hauptstädten der entscheidenden UN-Mitgliedstaaten ließen zwar zunächst noch auf sich warten. Es zeichnete sich nach der gemeinsamen Pressekonferenz der Kriegsbefürworter George W. Bush, Tony Blair und José María Aznar aber schnell ein allgemeines Stimmungsbild ab: Pessimismus, wie er düsterer kaum noch sein könnte. Kaum jemand erwartet, dass es binnen der vom Dreigestirn Bush-Blair-Aznar eingeräumten 24-Stunden-Frist für einen UN-Konsens zu einem Kompromiss und damit zumindest zu einem weiteren Kriegsaufschub kommen werde. Ein Politexperte formulierte es gestern gegenüber CNN so: "Wenn nicht noch ein diplomatisches Wunder geschieht, dann fallen noch in dieser Woche über dem Irak die ersten Bomben."
Zwar trafen beim Gipfel auf der Azoren-Insel Terceira weit verbreitete Erwartungen nicht ein, dass das Dreigestirn bereits am Sonntag seinen gemeinsamen Entwurf für eine zweite UN-Resolution offiziell zurückziehen und damit die diplomatischen Bemühungen für beendet erklären würde. Aber nach allgemeiner Einschätzung von Experten dient die Mini-Galgenfrist für die UN und damit auch für Iraks Präsidenten Saddam Hussein kaum mehr als kosmetischen Zwecken - so etwa dem Ziel, der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren, dass bis zur letzten Minute alles, aber auch alles getan worden sei, um einen Krieg zu vermeiden. Schließlich hatte sich Frankreichs Präsident Jacques Chirac kurz vor dem Gipfel mit einem neuen Kompromissvorschlag postwendend eine US-Absage eingehandelt. Dabei hatte er immerhin signalisiert, er könne eine Befristung der UN-Inspektionen auf lediglich noch 30 Tage akzept ieren. US-Vize Richard Cheney nannte das von vornherein einen "Rohrkrepierer" - nach Auffassung von Analytikern ein Zeichen dafür, dass die Positionen unüberbrückbar sind und die Gipfelteilnehmer schon mit zementierten Positionen nach Terceira gereist waren.

Zwei Szenarien denkbar
Auch US-Außenminister Colin Powell ließ wenige Stunden vor Gipfelauftakt keinen Raum für Illusionen. Er bedeutete den Kriegsgegnern Frankreich, Russland und Deutschland, dass die USA in der von den drei Staaten beantragten UN-Dringlichkeitssitzung wenig Sinn sehe.
Experten beschrieben gestern zwei mögliche Szenarien: Nummer 1: Die Mitglieder des Weltsicherheitsrates entscheiden heute, dass Einigkeit doch unabdingbar sei. Dann könnte das im vorliegenden amerikanisch-britisch-spanischen Resolutionsentwurf enthaltende Ultimatum an Saddam vom 17. März um zwei, drei Tage ausgedehnt werden - mehr, so heißt es im Weißen Haus, wäre für die USA nicht akzeptabel. Nummer 2: Es gibt keinen solchen Konsens. Dann würden die USA vermutlich ihren Entwurf ruhen lassen und ohne die UN handeln.