Die Kinder sind schon jetzt Opfer: Krieg und Embargo haben das Bewusstsein einer ganzen Generation geschwächt.Der kleine Karim versteckt sich schon seit Tagen im Wandschrank. Er hat einen kleinen Karton bei sich, in dem er ein paar Körner Reis, ein Stück Brot, eine Orange und seine liebsten Spielzeuge verstaut - darauf will der irakische Junge im Krieg nicht verzichten.
Seit die US-Truppen am Golf aufmarschieren, begegnet der Kinderarzt Aschraf Ahmed Kamel in seiner Praxis in Bagdad täglich solchen Fällen. Ratlose Eltern berichten von ihren Kindern, die Satzfetzen über Bunker, Bomben und Flucht aufschnappen und mit wachsender Angst schon jetzt zu Kriegsopfern geworden sind.

Ungewöhnliche Aggressivität
Die häufigsten Symptome seien anhaltendes Fieber, Appetitmangel, ungewöhnliche Aggressivität und Bettnässen, berichtet Kinderarzt Kamel, der seine Patienten im Wohnviertel Adamija behandelt. Wirksame Gegenmittel fallen ihm nicht ein. Einige seiner Kollegen verordneten zwar Valium oder andere Beruhigungsmittel, aber die Gefahr der Abhängigkeit sei ihm zu groß, betont er. Kamel muss selbst seinen 14-jährigen Sohn trösten, dessen beste Freunde bereits die Schule verlassen haben, um sich bei Bekannten in Syrien in Sicherheit zu bringen.
Während die Kriegsgefahr zunehmend wächst, hängen die Kinder an den Lippen ihrer Eltern, von denen sie sich Aufschluss über die abstrakte Bedrohung erhoffen. "Vor einer Woche nannte mein Mann den 17. März als mögliches Datum für den Beginn einer amerikanischen Invasion", erzählt die 32-jährige Informatikerin Hind. Sofort habe ihr Sohn Ali an seinen Fingern abgezählt: "Dann haben wir ja nur noch vier Tage zu leben."
Auch Vier- und Fünfjährige könnten sich die Bedrohungen durch einen Krieg schon sehr bildhaft vorstellen, fanden Forscher im Auftrag der regierungsunabhängigen Organisation "War Child Canada" bei Befragungen im Irak heraus: Zerstörung von Häusern, Bomben und der Tod von Freunden und Verwandten wurden von den Kleinen genannt. Dreiviertel der mehr als 300 befragten Kinder und Jugendlichen äußerten dabei ihre Sorge, dass ihre Familie in einem Krieg sterben könnte. Die meisten gaben an, schon jetzt unter Kopfschmerzen, Albträumen und Konzentrationsschwäche zu leiden, wie die Wissenschaftler berichteten.
Zwischen Kindern und Eltern werde im Umfeld von Kriegen zu wenig kommunziert, bemängeln die Experten von "War Child Canada", die Erfahrung mit vom Krieg traumatisierten Kindern haben. Oft fühlten sich die Kleinen mit ihrer Angst allein gelassen. Für die Eltern sei es schwer, bei aller eigenen Sorge noch Kraft für den Trost der Kinder zu finden.

In eigene Welt geflüchtet
Der Vertreter des UN-Kinderhilfswerks Unicef in Bagdad, Carel de Rooy, nennt noch weitere Belastungen, unter denen die Kinder in Irak zu leiden haben. Das nach dem Golfkrieg vor zwölf Jahren verhängte UN-Embargo habe Armut, Mangelernährung und tödliche Krankheiten vor allem bei Kindern verursacht. Überfüllte Klassenzimmer und die verbreitete Mangelwirtschaft hätten das Selbstbewusstsein einer ganzen Generation geschwächt, sagt de Rooy. Nach einem Krieg seien gewaltige Anstrengungen erforderlich, die Kinder wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Vor all ihren Sorgen hätten sich viele in eine eigene Welt geflüchtet.
Der Taxifahrer Nafaa behilft sich derweil mit einem einfachen Trick, um seine siebenjährige Tochter zu schonen. Jeden Morgen geht er auf Zehenspitzen zur Arbeit, berichtet der 42-Jährige. Wenn sie ihn hört, hängt sich ihm die kleine Rania nämlich gleich an den Hals: "Geh nicht, Papa. Du setzt dein Leben aufs Spiel und Mama wird allein mit mir sein."