Für Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, ist die Sache jetzt erledigt. Zwar habe es Hinweise auf eine Verbindung Wischnaths zum Staatssicherheitsdienst gegeben, doch dieser Verdacht sei zusammen mit ihm überprüft und ausgeräumt worden. Für den Cottbuser Generalsuperintendenten und Vorsitzenden des Brandenburger Aktionsbündnisses gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit sieht die Sache offensichtlich anders aus. Wischnath fühlt sich mit monatelangem Misstrauen seiner Kirchenleitung konfrontiert und will Aufklärung, wie mit dem Verdacht gegen ihn umgegangen wurde. Umstritten dabei ist vor allem, dass die Kirchenspitze in Sachen Wischnath Rat beim Bundesamt für Verfassungsschutz suchte.
Im September vorigen Jahres, so erinnert sich der Generalsuperintendent, das Kirchenoberhaupt der Südbrandenburger Gemeinden, hatten ihn Bischof Wolfgang Huber und Konsistorialpräsident Uwe Runge überraschend zu einem Gespräch gebeten. Dabei sei er zum ersten Mal mit dem gegen ihn gehegten Verdacht konfrontiert worden. Danach sollte Wischnath ein von der Auslandsabteilung des MfS (HVA) unter dem Decknamen Theologe geführter IM gewesen sein. Wischnath, der bereits Anfang der 90er-Jahre mehrmals durch die Gauck-Behörde überprüft wurde, bestreitet das vehement: "Ich bin das niemals gewesen."
Hintergrund des Verdachtes gegen den Lausitzer Kirchenmann war eine im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgenommene Auswertung der Datenbank Sira nach Bezügen zur Kirche. Sira war das System zur Informationsrecherche der HVA, eine Art Inventarliste des Aktenbestandes der Stasi-Auslandsabteilung. Die Akten selbst wurden zur Wende vollständig vernichtet. Sira, auf elektronischen Datenträgern gerettet, konnte 1998 durch die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen wieder lesbar gemacht werden. In den Sira-Dateien wurden jedoch nur Decknamen verwendet.
Eine dazugehörige Klarnamen-Datei war nach der Wende zum US-Geheimdienst CIA gelangt. Der stellte Informationen aus dieser Rosenholz genannten Datei ab 1993 dem Bundesamt für Verfassungsschutz in Deutschland für die Strafverfolgung westdeutscher Stasi-Spione zur Verfügung. Die Gauck-Behörde bekommt erst seit kurzem schrittweise Informationen aus den Rosenholz-Unterlagen, darf diese aber bisher für Auskünfte über Stasi-Mitarbeit nicht verwenden.
In der Sira-Datei war bei der Suche nach Bezügen zur Kirche eine Quelle mit dem Decknamen Theologe aufgetaucht. Die dazu vorhandenen Einträge sind gering. In sechs Jahren finden sich nur sechs registrierte Berichte. Verzeichnet ist dabei nur das jeweilige Thema des Berichtes, zum Beispiel: Zur Situation in der SPD . . . Unterbezirk Siegen-Wittgenstein. In diesen Einträgen sind nur wenige Anhaltspunkte über IM Theologe zu finden: 1977/78 Zugang zur Kirche und zur SPD in der Region Siegen-Wittgenstein in Nordrhein-Westfalen. Kontakt zur Friedensbewegung und zur evangelischen reformierten Kirche.
Das alles trifft auf den Cottbuser Generalsuperintendenten zu und ließ ihn deshalb vermutlich durchaus verdächtig erscheinen. Wischnath hält dagegen: "Es gibt nicht den geringsten Beweis, dass IM ,Theologe‘ Rolf Wischnath ist." Bei ermittelnden Behörden habe es die Vermutung gegeben, dass es sich auch um zwei andere Personen handeln könnte, die Wischnath heißen.
Der Cottbuser Generalsuperintendent war damals Mitglied im Sozialistischen Hochschulbund (SHB), in der SPD und in Friedensgruppen. Seit 1963 hatte er nach eigenen Angaben vielfältige Kontakte in die DDR, in die er auch immer wieder reiste. Dabei habe er, so Wischnath, auch Kontakt mit FDJlern und SED-Mitgliedern gehabt. Als er dabei gegenüber einem ostdeutschen Arzt den Verdacht hegte, der könne mit dem MfS in Verbindung stehen, habe er den Kontakt sofort abgebrochen.
Bevor Wischnath im September vorigen Jahres mit dem IM-Verdacht konfrontiert wurde, hatte der Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Uwe Runge, sich Rat in Sachen IM Theologe beim Bundesamt für Verfassungsschutz geholt. Das sei, so der Öffentlichkeitsbeauftragte der Kirchenleitung, Reinhard Lampe, zusammen mit dem Hinweis auf eine vermutete Verbindung Wischnaths zur Staatssicherheit von der EKD empfohlen worden. Es habe vorher nie einen vergleichbaren Fall in der Berlin-Brandenburger Kirche gegeben, so Lampe. Wegen der speziellen Probleme der Sira-Datei und der Rosenholz- Unterlagen, habe man sich deshalb prinzipiell dazu vom Verfassungsschutz beraten lassen. Nach dem Besuch beim Verfassungsschutz sei der Verdacht gegen Wischnath ausgeräumt gewesen. Sicherheitshalber habe man jedoch mit Wischnaths Einverständnis eine erneute Überprüfung bei der Gauck-Behörde eingeleitet.
Der Verfassungsschutz wollte sich gegenüber der RUNDSCHAU nicht zu dem Treffen mit Konsistorialpräsident Runge äußern. Dessen langjähriger Amtsvorgänger war der frühere Brandenburger Ministerpräsident und jetzige Bundesminister Manfred Stolpe. Der hatte umfangreiche Kontakte zur Staatssicherheit der DDR unterhalten, über deren Bewertung bundesweit sehr kontrovers diskutiert worden war.
Rolf Wischnath will, anders als von der Kirchenleitung dargestellt, nicht im September, sondern erst vor wenigen Tagen erfahren haben, wie umfangreich das Rat suchende Gespräch Runges beim Verfassungsschutz in Köln war. "Das ist im September erwähnt worden, aber ich dachte, das sei nur eine pauschale, kurze Anfrage gewesen", sagt der Cottbuser Generalsuperintendent, "ich wusste nicht, dass Herr Runge da persönlich hingefahren ist. Für ihn ein Beleg für ein großes Misstrauen ihm gegenüber."
Wischnath will nun komplette Akteneinsicht bei seiner Kirchenleitung, um genau nachzusehen, wie mit dem gegen ihn gehegten Verdacht umgegangen wurde. Er fühlt sich durch zwei neue, ohne belastende Aktenfunde verlaufene Überprüfungen der Gauck-Behörde in seiner Unschuldsbeteuerung bestätigt.
Wer sich jedoch hinter IM Theologe verbirgt, ist damit noch nicht geklärt. Die Zuordnung eines Klarnamens zu diesem Decknamen sei aufgrund des derzeit erschlossenen Aktenbestandes nicht möglich, so die Auskunft der Gauck-Behörde. Solange die Rosenholz-Unterlagen der Gauck-Behörde nicht vollständig für derartige Auskünfte zur Verfügung stehen, wird diese Frage vermutlich auch nicht geklärt werden können.