Weit nach Mitternacht trat der ukrainische Präsident in Kiew vor die Kameras, um dem bisherigen Oppositionsführer Viktor Janukowitsch den Weg zurück ins Amt des Regierungschefs zu ebnen. Ausgerechnet jenem Erzrivalen, der als Wahlfälscher von des Kremls Gnaden in die Geschichte einging. Doch selbst im prowestlichen Präsidentenlager atmeten die meisten auf. Die Orange, Symbolfrucht der ukrainischen Revolution, hatte schon vor Langem von innen zu faulen begonnen.

Janukowitsch als Feindbild
Die Welt hat bis heute die Bilder der friedlich protestierenden Ukrainer vor Augen, die Ende 2004 ihr Land aus dem Griff einer als korrupt verschrienen Elite unter russischem Einfluss reißen wollten. Janukowitsch einte damals als gemeinsames Feindbild die Massen, zumindest in der West- und Zentralukraine. Mit Juschtschenko an der Spitze legten die Reformkräfte ambitioniert los und verordneten der früheren Sowjetrepublik einen strammen Kurs zur Annäherung an EU und Nato. Der Mehrheit der Ukrainer blieben aber andere Schlagzeilen der vergangenen Reformjahre in Erinnerung: innere Konflikte, neue Korruptionsvorwürfe und eine latente Unfähigkeit des orangenen Lagers, sich auf einen gemeinsamen Kurs zu einigen. Der Zwist eskalierte, als Juschtschenko im vergangenen September seine Gefährtin aus den Tagen der Revolution, Julia Timoschenko, als Regierungschefin entließ.
Dass die meisten Ukrainer Juschtschenko die Schuld für die Instabilität der vergangenen Jahre geben, bekam der Präsident bei der Parlamentswahl Ende März zu spüren. Deutlich abgeschlagen landete seine Partei hinter Janukowitschs Partei der Regionen und Timoschenkos Wahlblock auf dem dritten Platz. Halbherzig wirkten denn auch Juschtschenkos Versuche, eine Neuauflage der orangenen Koalition mit Timoschenko als designierter Regierungschefin zu organisieren. Als weitere umstrittene Personalentscheidungen folgten, ließen die Sozialisten als Juniorpartner die Koalition der Reformkräfte platzen.

Vier Monate Verhandlungen
Mehr als vier Monate nach der Parlamentswahl ist auch in Juschtschenko die Erkenntnis gereift, dass ohne Janukowitsch auf Dauer kein Staat zu machen ist. Dieser Schritt muss Juschtschenko, der bis heute an den Folgen eines Giftanschlags auf seine Person 2004 leidet, sehr schwergefallen sein. Nach früheren Aussagen vermutet der Präsident die Attentäter im damaligen Umfeld Janukowitschs. In der Nacht der Entscheidung besann sich Juschtschenko aber doch auf die Chance, das Land endlich zu einen.
Es zählt zu den großen Versäumnissen der ukrainischen Politik, dass Juschtschenko und Janukowitsch sich fast zwei Jahre Zeit mit dem Versuch ließen, die gespaltenen Landesteile wieder zusammenzuführen. Einen gemeinsamen Nenner dürfte ihre Politik durchaus bei Wirtschaftsreformen, Privatisierung von Staatsbetrieben und landwirtschaftlichen Nutzflächen sowie bei der EU-Annäherung finden.
Lange Zeit strittig blieben Themen wie die von der Ost ukraine favorisierte Aufwertung des Russischen zur Staatssprache oder die von den "Westlern" angestrebte Vereinigung der ukrainisch-orthodoxen Kirchen. Im Wirtschaftsbereich sperrte sich Janukowitsch bislang gegen das massive Werben um ausländische Investitionen sowie die angestrebte Aufnahme in die Welthandelsorganisation WTO. Bis zum vereinbarten Referendum über eine Nato-Mitgliedschaft muss Juschtschenko noch viel Überzeugungsarbeit leisten. In Umfragen spricht sich derzeit weniger als ein Drittel der Bürger für diesen Schritt und den damit verbundenen offenen Bruch mit Russland aus.
Das Duo Juschtschenko und Janukowitsch muss den Beweis antreten, dass die Ukraine nach Monaten tiefer politischer Krise doch noch regierbar ist. Gelingt dies nicht, werden die beiden Koalitionäre schon bald die scharfe Kritik Julia Timoschenkos zu spüren bekommen. Auch die "Ikone der Revolution" wartet auf ihre zweite Chance. Timoschenko ist trotz aller Querelen während ihrer Regierungszeit bei ihren Landsleuten noch immer sehr beliebt.