„Wenn sich andere als Nutzer
und Betreiber dazwischen schalten,
kann es passieren, dass auf den Feldern nur noch angebaut wird, was für
Bio-Kraftwerke benötigt wird.“
 Dieter Kestin, Vorsitzender des
Kreisbauernverbandes Elbe-Elster


Eric Arts, Gesellschafter und Geschäftsführer der Arts Bolder Holding GmbH Vetschau, ist überzeugter Produzent und Nutzer von erneuerbaren Energien. Gemeinsam mit seinem Partner betreibt er in der Nachbarschaft des Schweinemast- und Zuchtbetriebes in Tornitz-Vetschau (Oberspreewald-Lausitz) eine Biogasanlage mit einer Kapazität von gut 600 Kilowatt. Dort werde aus der Schweinegülle Strom und Wärme erzeugt. Die dann geringer belasteten Fäkalien kämen auf die Felder der Bauern. Dadurch könnten chemische Dünger gespart werden, beschreibt Arts einen Kreislauf, der für ihn sinnvoll ist. Demnächst will der Geschäftsmann nach eigenen Angaben eine leistungsfähige Solaranlage mit einer Kapazität von einem Megawatt (MW) bauen, die in der Zukunft auf 2,2 MW erweitert werden könnte. Zudem betreibt Arts Windräder, selbst wenn der gebürtige Holländer die in der Landschaft "nicht sonderlich schön" findet.
Dennoch bezeichnet er die gegenwärtige Entwicklung von immer größeren Biomasseanlagen schlicht und einfach als „Schwachsinn“ . Für die Landwirtschaft werden sie „langfristig zu einem Riesenproblem“ , stellte Arts jüngst auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA) in Cottbus fest, die sich mit der ländlichen Entwicklung in der Region unter den Bedingungen des Klimawandels beschäftigte.
Kritisch sieht auch Brandenburgs Landwirtschaftsminister Dietmar Woidke (SPD) den Biomasse-Boom. In der erwähnten Diskussion mit den BWA-Mitgliedern sprach er gar von „Verwerfungen“ , die die gegenwärtige Förderpolitik sogar noch forciere. Als Beispiel nannte er das geplante 20-MW-Biomasse-Kraftwerk in Preschen. Das werde aus 40 kleineren Modulen zusammengesetzt, jedoch nicht etwa, weil das effektiver sei. Vielmehr gehe es um Fördermittel, die es in voller Höhe nur für Anlagen bis 500 KW gebe.
Der Potsdamer Ressortchef für Landwirtschaft und Umwelt beklagte vor allem aber die Auswirkungen, die es bei einer ungesteuerten Entwicklung für die Landwirtschaft, aber auch für den Tourismus, geben könnte. Eine Folge überdimensionierter Biogas-Kraftwerke könnten Monokulturen im Ackerbau und damit verbunden die Schädigung des Bodens sein. Als „furchtbar“ bezeichnete er die Vorstellung „bald nur noch durch Landschaften mit endlosen Maisfeldern zu radeln“ . Woidke warnte zudem vor der Vernichtung von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft durch den Rückgang vielfältiger Pflanzen- und Tierproduktion.
Auch zunehmende Spekulationen mit Grund und Boden seien nicht auszuschließen. Es gebe erste Anzeichen beispielsweise in der Uckermark, dass Biostromerzeuger den landwirtschaftlichen Betrieben den „Boden unter dem Hintern wegkaufen“ , sagte der Minister. Landwirte sollten die Beziehungen zu ihren Verpächtern gut pflegen sowie möglichst Äcker und Wiesen kaufen, um die Existenzgrundlage für die Betriebe zu sichern, riet er.
Woidke verwies zudem auf langfristig schädliche Auswirkungen auf die Forstwirtschaft. Die Begehrlichkeiten würden sich inzwischen ver-
stärkt auf die Wälder erstrecken. Der enorm gestiegene Bedarf an nachwachsenden biologischen Rohstoffen habe beispielsweise die Holzpreise regelrecht explodiert lassen. Nicht mal der enorme Holzanfall nach dem Sturm „Kyrill“ habe daran auch nur ein Cent geändert. Gegenwärtig werde alles gekauft, „was irgendwie nach Holz aussieht“ , so Woidke.
Der Holländer Eric Arts aus Vetschau befürchtet, dass durch die sprunghafte Erhöhung der Bioenergie-Erzeugung Futter für die Tierproduktion knapp und die Preise für Produzenten wie Verbraucher explodieren könnten. „Ich musste erst jüngst sehr tief in den Geldbeutel greifen, um 1500 Tonnen Futter zu kaufen, die ich dringend benötigte.“
Die Angst scheint nicht unbegründet. Die geplante Biogasanlage mit 20 MW in Preschen benötigt für einen effektiven Betrieb nach Expertenangaben neben Getreide und Gülle jährlich 300 000 Tonnen Maissilage. Das ist mehr als das Doppelte der bisherigen Maisernte im Spree-Neiße-Kreis. Hans-Joachim Roßberg, Vorsitzender der Agrargenossenschaft in Kahren bei Cottbus, sieht für sich keinen Anlass, in das Energie-Geschäft einzusteigen. „Wir haben die Milchproduktion ausgebaut, halten daran fest und besitzen keine Möglichkeit, Biogasanlagen mit Mais oder Roggen zu beliefern.“ Die Flächen würden für das Futter benötigt, Reserven gebe es nicht, ohne den Kuhbestand zu reduzieren, so Roßberg.
Auch Manfred Schumann, Abteilungsleiter Landwirtschaft bei der Kreisverwaltung Dahme-Spreewald in Lübben, steht dem Bioboom skeptisch gegenüber. „Alles schreit Hurra und jubelt, dass der ,Landwirt zum Energiewirt' wird.“ Dass inzwischen aber viele Bauern schon überlegen, ob sie Tiere abschaffen und verstärkt Mais und Getreide für die Energieerzeugung anbauen, werde kaum beachtet. „Die Gefahr ist riesengroߓ , so Schumann. Gar als „eine Plage“ bezeichnet Dieter Kestin, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Elbe-Elster, Biogasanlagen, wenn diese nicht in vernünftiger Größe projektiert und von den Bauern bewirtschaftet werden. „Wenn sich andere als Nutzer und Betreiber dazwischen schalten, kann es passieren, dass auf den Feldern nur noch angebaut wird, was für Bio-Kraftwerke benötigt wird“ , begründet Kestin seine Vorbehalte.
Brandenburgs Agrar- und Umweltminister Dietmar Woidke verlangte bei der Diskussion mit den BWA-Mitgliedern insgesamt eine Versachlichung beim Austausch der Argumente und forderte Weitsicht bei der Weichenstellung für die Entwicklung erneuerbarer Energien. „Noch können wir nicht alle fossilen Brennstoffe ablösen“ , so Woidke.