Fassungsloser Schmerz kehrt dieser Tage in beängstigendem Rhythmus in das ärmliche Katholikenviertel in der nordirischen Hauptstadt Belfast ein, immer dann, wenn sich wieder ein Jugendlicher das Leben genommen hat.
Zuletzt war es der 18-jährige Bernard Cairns, der seinem Leben ein Ende setzte. Er hängte sich an einem Baugerüst der Heiligkreuz-Kirche auf, nachdem er seinen Freund Anthony O'Neill zu Grabe geleitet hatte. Anthony hatte sich in der Woche zuvor umgebracht, genauso wie Bernards Freund Philip McTaggert im vorigen Jahr.
13 Jugendliche aus Ardoyne begingen in den vergangenen sechs Wochen Selbstmord. "Sie haben ihrem Leben ein Ende gesetzt, weil sie keinen Ausweg aus einer untragbaren Situation sahen", versuchte der Einwohner Brendan McGee das Unbegreifliche zu erklären.

Ödnis, Drogen, Extremisten
Nirgendwo in Großbritannien ist die Selbstmordrate so hoch wie hier in der armen katholischen Enklave, wo arbeitslose Jugendliche auf der Straße die Zeit totschlagen, wo der Missbrauch von Drogen und Alkohol floriert und extremistisch-katholische Untergrundkämpfer die Jugendlichen schikanieren, die doch eigentlich von dem politischen Schlamassel in Nordirland gar nichts wissen wollen.
Mit dem gewohnten Freund-Feind-Schema in Nordirland lässt sich die Selbstmordserie nicht erklären. Zwar gab es in Ardoyne immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen mit Bewohnern der umliegenden protestantischen Viertel. Doch diesmal sitzen die Katholiken auf der Anklagebank. Anhänger der radikalen Splittergruppe "Armee der nationalen irischen Befreiung" (Inla) versuchen, das Viertel unter Kontrolle zu zwingen. Wer nicht mitmacht, wird drangsaliert. Der soziale Druck ist hoch.
Der Priester der Heiligkreuz-Kirche, Aidan Troy, richtete einen verzweifelten Appell an die Inla: "Im Lichte dieser Todesfälle muss die Inla alle ihre Drohungen zurücknehmen, besonders diejenigen, die so schwer auf den jungen Leuten hier lasten."
Bernard Cairns hatte vor seinem frühen Tod gelernt, was es bedeutet, sich mit der Inla anzulegen. Vor zwei Jahren soll er einen Führer der Extremisten beleidigt haben und wurde dafür mit etwas bestraft, was die Leute im Viertel als "Kneecapping" bezeichnen: Gewalttäter feuerten ihm in jedes Knie eine Kugel. "An jenem Tag fing er an zu glauben, dass die ganze Welt hinter ihm her ist", erinnert sich sein Onkel Brendan Bradley.
Der Zorn des Onkels richtet sich ebenfalls gegen die Inla. "Sie muss endlich eine Erklärung abgeben, dass sie allen Drohungen ein Ende macht." Die Inla hatte sich 1975 von der größten Untergrundgruppe Irisch-Republikanische Armee (IRA) abgespalten. Über bedeutenden politischen Rückhalt in der Bevölkerung verfügt sie nicht.

Auf der Suche nach Sinn
Pater Troy sieht nur einen Weg, der Verzweiflung der jungen Leute in Ardoyne ein Ende zu machen: Die Politik muss sich der vernachlässigten Gegend zuwenden. "Wir brauchen mehr Mittel, damit die jungen Leute nicht mehr auf der Straße herumhängen. Wir müssen ihnen helfen, einen Weg zu finden, ihre Zeit sinnvoll zu verbringen.