Musikstunde: Lehrer Walter Dahm sitzt mit einer seiner Schülerinnen am elektronischen Klavier in seiner Musikschule in Schwelm. Seit sechs Jahren unterrichtet Dahm ältere Menschen, für die er die Noten seniorengerecht umschreibt.Das aktive Berufsleben ist vorbei und die Kinder sind aus dem Haus. "Was nun?", fragen sich viele Senioren. Wer nicht rechtzeitig nach Antworten gesucht hat, fällt zunächst oft in ein schwarzes Loch. Dabei ist es längst nicht mehr allein das Privileg der jüngeren Generation, dem Leben eine neue Wende zu geben. "Der Aufbruchsgedanke ist heute weitaus verbreiteter als früher", sagt Uwe Kleinemas vom Zentrum für Alterskulturen der Universität Bonn. Seiner Schätzung nach wagt ein Drittel der Senioren den Neubeginn, und ein weiteres könnte dazu bewegt werden. Nur der Rest ziehe sich aus allem heraus.
Der neue Wagemut im Alter hat auch etwas mit der gestiegenen Lebenserwartung zu tun: Die Mehrzahl beendet das aktive Berufsleben mit 60 Jahren, damit umfasst das so genannte dritte Lebensalter heute für viele Senioren rund 20 Jahre. "Erst ab 80 Jahren beginnt statistisch gesehen das vierte Lebensalter. Da bleiben durchschnittlich 20 Jahre, in denen viele bei guter Gesundheit und finanziell abgesichert die Zeit noch sinnvoll nutzen wollen", sagt Peter Zemann vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin.

Neue Wendung für das Leben
Klaus-Dieter Gerhardt aus Köln ist einer von denen, die ihrem Leben spät noch einmal eine neue Wendung gegeben haben. Gerhard ist 68 Jahre alt und wird Ende Februar für acht Wochen nach Burma fliegen. Es ist der dritte Einsatz des ehemaligen Bäckermeisters in Asien für den Senior Experten Service (SES) in Bonn. Im Mai hat Gerhardt einen Nachfolgeauftrag in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi, in der er bereits im vergangenen Jahr jugendlichen Straßenkindern das Backen mit einfachsten Mitteln beibrachte.
Gerhard freut sich nicht nur darüber, dass das Straßenkinder-Projekt ein Erfolg war - er betrachtet es auch als persönlichen Gewinn, ein fremdes Land von der "Innenseite" her kennenzulernen. "Und was einem Älteren darüber hinaus gut tut, ist die Hochachtung vor dem Alter." Der Kölner würde auf jede Urlaubsreise verzichten, wenn er dafür einen neuen Einsatz als Senior-Experte machen könnte.
Finanzielle Anreize spielen bei den Projekten der Senior Experten keine Rolle: Jeder, der für den SES im In- oder Ausland Selbsthilfe leistet, erhält lediglich ein Taschengeld in Landeswährung. "Die Senioren melden sich, weil sie ihre Erfahrung gewinnbringend für andere einsetzen können und dadurch Befriedigung sowie Bestätigung erfahren", sagt Sonnhild Schretzmann vom SES. Der Einzelne sollte Abenteuerlust, die Fähigkeit zu improvisieren und Lust am Aufbau einer Sache mitbringen, empfiehlt Senior-Experte Gerhardt.
Aber nicht jeden aufbruchswilligen Senioren zieht es gleich in ferne Länder. Möglichkeiten, sich zu engagieren, "liegen auf der Straße", sagt Uwe Kleinemas. Manche Ältere bauten Internet-Cafés auf, andere fänden ihren Platz als Ersatzopa oder -oma in einem Kindergarten, wieder andere eröffneten eine Fahrradwerkstatt.
Anstöße für neue Aufgaben gebe oft schon ein genauer Blick auf den eigenen Stadtteil oder das eigene Dorf. "In vielen Fällen hat es mit dem klassischen Ehrenamt oder einer Beschäftigungstherapie überhaupt nichts zu tun", so der Psychologe. Eine mögliche Anlaufstelle für alle, die in den unterschiedlichen Bereichen für sich und andere aktiv werden möchten, sind die bundesweit rund 160 Seniorenbüros. "Die Nachfrage ist sehr groß. Es gibt immer mehr Menschen, die unabhängig von Vereins- oder Verbandsarbeit etwas tun wollen", sagt Gabriela Hinn von der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros in Bonn.
Eine Organisation mit vielen Betätigungsfeldern ist auch der Verein "Jahresringe". Aus der Not des oftmals erzwungenen Vorruhestandes heraus haben nach der Wende ehemalige DDR-Bürger die Selbsthilfeorganisation in Berlin, Brandenburg und Sachsen gegründet. Heute zählt der Verband rund 2000 Mitglieder, die sich kulturell, sozial und gesellschaftlich betätigen.

Kein schwarzes Loch
"Mein Leben hat dadurch eine neue Wende genommen", sagt Ingeborg Kühne aus Berlin, die die Verbandszeitschrift erstellt. Gegen die Isolation, die oftmals nach dem Erwerbsleben eintrete, müsse sich jeder wehren: "Früher ist jeder von uns ins schwarze Loch gefallen. Das ist jetzt lange vorbei."
Rund 10 000 Mitglieder zählt der Verband "Lange aktiv bleiben". Die Mitglieder reisen gemeinsam, üben den Umgang mit dem Internet oder lernen Fremdsprachen. "Die Sprachgruppe Italienisch beispielsweise fährt jedes Jahr nach Italien und bekommt dann Gegenbesuch", berichtet Vereinssprecher Helmut Kirsebauer aus Hannover. Ziel sei es, ältere Menschen aus der Vereinsamung zu holen.
"Wer zu neuen Ufern aufbricht, erfährt, wie vielen Menschen er mit seinen Fähigkeiten und als Person etwas bedeuten kann", fasst Uwe Kleinmas zusammen.
Trotz des fortgeschrittenen Alters erweitere sich dann das soziale Netz noch einmal. Anfangsschwierigkeiten seien manchmal unumgänglich - diese sollten aber kein Grund sein, die Hände wieder in den Schoß zu legen.