Glänzende Augen, euphorische Reden und Interesse von Fachleuten im ganzen Land - knapp zwanzig Tonnen alter Stahl können für einigen Wirbel sorgen. In Forst (Spree-Neiße) ist in diesem Jahr mit der Lok Nr. 36 der früheren Stadteisenbahn ein Stück Geschichte zurückgekehrt, das auch in den kommenden Monaten noch für Diskussionen sorgen dürfte.

Wer auf den Straßen von Forst unterwegs ist, der wird ihnen noch heute häufig begegnen, den Schienen der Schwarzen Jule. Lange haben sie in Forst für Ärger gesorgt. Denn eine Funktion hatten sie schon lange nicht mehr. 1965 war die letzte Lok über die Gleise gerattert. Dann kam eine Lok ins Verkehrsmuseum Dresden, andere verrosteten. So wurden die Schienen oft nur noch als Stolper- und Fahrradfallen wahrgenommen. Dabei war das Rattern der Jule lange Zeit so etwas wie der Herzschlag der einst bedeutenden Industriestadt Forst. "Wir haben ein Stück Geschichte zurückbekommen." Das sagt Bürgermeister Jürgen Goldschmidt am 27. Juli am Morgen vor dem Feuerwehrgerätehaus Mitte. An diesem Tag bietet sich ein besonderes Bild am Pestalozzi-Platz. Mehr als Hundert Schaulustige stehen um einen Schwerlast-Transport, auf dem die schwere Lok thront. Bewohner eines nahen Altersheimes erzählen sich alte Geschichten über die Jule. "Bei uns haben immer die Gläser im Schrank geklappert", erinnert sich eine Frau. Andere erzählen von dem Dreck, den das Dampfross in die Stadt blies. Immer wieder stellen sich Gruppen für Erinnerungsbilder vor den schwer beladenen Sattelschlepper, bis Männer des Transportunternehmens Schienen bis in eine Garage des Feuerwehrgerätehauses verlegen. Dann wird das Schwergewicht per Seil mit einem Schlepper vorsichtig auf den Schienen vom Anhänger in das Feuerwehrhaus gezogen. "Hau ruck, Hau ruck…", rufen Kindergartenkinder dazu im Chor.

Auch Fachleute sind an diesem Tag zu Besuch. Christian Mentzel ist einer von ihnen. Von Cottbus ist er nach Forst gekommen, um bei dem historischen Moment dabei zu sein. Er drückt Bürgermeister Jürgen Goldschmidt ein Buch über eine Berner Stadtbahn in die Hand, gratuliert und weist darauf hin, dass die Bahn dort wieder als Stadt-Attraktion in Betrieb genommen wurde. Mentzel studiert an der Cottbuser Uni am Lehrstuhl Eisenbahnwesen und lenkt als Mitglied der Parkeisenbahn Cottbus selbst Loks über die Schiene. Für ihn ist die "Jule als Denkmal sehr bedeutend". Es gebe kaum etwas Vergleichbares.

Tatsächlich war die Forster Stadteisenbahn ein bemerkenswert fortschrittliches Logistiksystem. Am Güterbahnhof konnte mit Hilfe von Rollböcken schnell umgeladen werden. Mit dem industriellen Aufstieg der Stadt wuchs das Gleissystem nach der Inbetriebnahme im Jahr 1893 im 20. Jahrhundert auf etwa 24 Kilometer.

Nach der Stillegung 1965 kam die Lok Nr. 36 schließlich ins Verkehrsmuseum Dresden. Eine Umstrukturierung in der Ausstellung bietet im Sommer schließlich Forst die Möglichkeit, die Jule zurückzuholen. Schnell muss es gehen, weil auch München an der Lok interessiert ist. Dort war die Lok nämlich bei der Firma Krauss-Maffay gebaut worden. So wurde am Ende schnell ein Vertrag unterzeichnet. Die Schwarze Jule ist damit eine Leihgabe an die Stadt Forst - zunächst auf 15 Jahre befristet. Die denkmalgeschützte Lok bleibt vorerst Eigentum des Verkehrsmuseums. Es besteht aber die Option für eine Dauerleihgabe, für die die Stadt eine dauerhafte Präsentation des Exponats an einem geeigneten Standort anstrebt. Genau das stellt die Forster allerdings auch vor Probleme. Denn für die Präsentation der Lok gibt es sehr konkrete Auflagen - auch aus Sicherheitsgründen. Wo soll das wertvolle Stück also hin? Darüber wird in der Stadt nun heiß diskutiert. Fest steht bereits: Eine Präsentation des Dampfrosses wird es im kommenden Jahr der "Deutschen Rosenschau 2013" in Forst kaum geben. Spätestens bis 2015 - dem 750. Geburtstag der Stadt - soll eine Lösung gefunden werden. Standorte sind derzeit viele im Gespräch: Auf den Hof des Brandenburgischen Textilmuseums, den Platz am ehemaligen Gaswerk an der Berliner Straße oder einen Ausstellungsort am Marktplatz könnte die Lok Nr. 36 bis zum Jahr 2015 rollen.