| 02:39 Uhr

Die Herausforderung für Cottbus

Flüchtlinge aus dem Nahen Osten gehören inzwischen in Cottbus zum Straßenbild. Preiswerte Plattenbau-Wohnungen haben die Stadt für Bleibeberechtigte anziehend gemacht.
Flüchtlinge aus dem Nahen Osten gehören inzwischen in Cottbus zum Straßenbild. Preiswerte Plattenbau-Wohnungen haben die Stadt für Bleibeberechtigte anziehend gemacht. FOTO: Michael Helbig (mih1)
Cottbus. In der Stadt leben in der Region überproportional viele Flüchtlinge. Sie ist dadurch zum Modell geworden für die Frage, ob Integration gelingt. Simone Wendler

Bisher, sagt Stefanie Kaygusuz-Schurmann, hätten sie und viele Kollegen vor allem im "Problembewältigungs-Modus" gearbeitet. Denn wie keine andere Kommune in Brandenburg musste die Stadt innerhalb weniger Monate die soziale Betreuung von mehr als 2000 Flüchtlingen organisieren und finanzieren. Die Stadt hat sich zum Zuzugsort für anerkannte Flüchtlinge entwickelt. Die Gesamtzahl der in Cottbus lebenden Flüchtlinge beträgt inzwischen rund 3200 (siehe Info-Box). Im Stadtbild sind sie sichtbar.

Die besondere Situation in Cottbus hat verschiedene Ursachen. Die Verteilung der neu ankommenden Asylbewerber auf die Kommunen verläuft gleichmäßig. Wer nach Abschluss des Verfahrens einen Bleibestatus bekommt, zum Beispiel als Kriegsflüchtling, darf in eine eigene Wohnung ziehen und kann in Brandenburg und bisher auch in Sachsen seinen Wohnort frei wählen.

Nach der extrem hohen Zahl neuer Flüchtlinge im Herbst 2015 wurden die Verfahren von Syrern wegen ihrer guten Bleibechancen beschleunigt abgewickelt, um die Antragsberge abzutragen. Viele Flüchtlinge hielten deshalb 2016 schon bald ihre Bleibeberechtigung in der Hand.

"Früher dauerten solche Verfahren bis zu zwei Jahre", erinnert sich der Cottbuser Sozialdezernent Berndt Weiße. Die Stadt habe keine Zeit gehabt, sich auf die Verfahrensbeschleunigung einstellen zu können. Und Cottbus war für Flüchtlinge attraktiv.

Beim kommunalen Großvermieter GWC gab es freien Wohnraum zu Mieten, die vom Jobcenter akzeptiert wurden. Es gab freie Kitaplätze, die Schulen waren noch aufnahmefähig. Die Stadt verfügt inzwischen über Läden mit nahöstlichen Lebensmitteln, und bereits hier lebende arabische Flüchtlinge bieten einen sozialen Anknüpfungspunkt. Nicht nur aus anderen Orten Brandenburgs, sogar aus anderen Bundesländern zogen deshalb anerkannte Flüchtlinge in den vergangenen Monaten nach Cottbus. Nur jeder Dritte, der nun längerfristig in der Stadt lebt, hielt sich auch während seines Asylverfahrens hier auf.

Doch nicht nur ihre Zahl stellt die Stadt vor Herausforderungen. "Früher waren diese Menschen ein bis zwei Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft und dementsprechend weit im Spracherwerb und der Kenntnis des Lebens in Deutschland", erläutert Sozialdezernent Weiße. Viele Zuzügler der vergangenen zwei Jahre benötigten jedoch, anders als vorgesehen, noch viel Betreuung. Die Strukturen dafür musste die Stadt erst aufbauen.

Das geschah im laufenden Betrieb und bisher finanziell auf Kosten der Kommune. Insgesamt, so Weiße, habe die Stadt dafür 38 neue Stellen geschaffen, viele befristet, doch einige würden vermutlich dauerhaft gebraucht.

Vom Zuzug anerkannter Flüchtlinge erfährt die Stadt praktisch relativ spät. Die Leute suchen eine Wohnung, melden sich beim Jobcenter und klären die Mietübernahme, dann erst gehen sie zum Meldeamt. "Da erfahren wir das erste Mal, dass sie da sind", so Weiße.

Deshalb könne die Stadt auch Nachbarn nicht vorher informieren, dass in einem Haus eine Flüchtlingsfamilie einzieht. "Die sehen plötzlich das neue Namensschild und die Menschen und dazu vielleicht noch neue Flüchtlingskinder in Kita und Schule," so Stefanie Kaygusuz-Schurmann. Für viele könnte das ungesteuert wirken und als Widerspruch zu den deutlich gesunkenen Flüchtlingszahlen empfunden werden.

Bei der Landesregierung in Potsdam hatte sich Cottbus vergeblich um eine Zuzugssperre bemüht, um etwas Zeit zur Anpassung an die neuen Herausforderungen zu bekommen. Inzwischen sei eine Sperre indirekt eingetreten, weil der für Flüchtlinge verfügbare Wohnraum der GWC ausgeschöpft sei, so Sozialdezernent Weiße.

Dringend notwendig sei jedoch der Ausbau der Kita-Kapazitäten in der Stadt. Denn auch deutsche Familien aus dem Umland seien zugezogen. Vier Kita-Erweiterungen seien geplant. Die Genehmigungsverfahren dafür würden in Potsdam zügig erledigt, versichert Weiße.

In den Schulen der Stadt verschärfte sich durch die Flüchtlingskinder der ohnehin durch die Inklusion schon vorhandene Bedarf an pädagogischen Hilfen. "Die Lehrer und Erzieher sind mit ihren Kräften ziemlich am Ende", sagt die Cottbuser Asylbeauftragte Kaygusuz-Schurmann. "Das kann jetzt aber auch eine Chance sein, die Situation für alle zu verbessern", hofft sie.

Anfang September konnte die Koordinatorin für Asyl in der Cottbuser Stadtverwaltung bei einem Treffen im Sozialministerium in Potsdam die Probleme einer "Zuzugsstadt" erläutern. Nun bestünde eine gute Aussicht, dass Cottbus zusätzliches Geld vom Land bekommt.

Bisher bleibt das jeweils für ein Jahr gezahlte Geld für die soziale Betreuung bei der Kommune hängen, in die ein Flüchtling zunächst eingewiesen wird. Auch wenn er im Februar schon wegzieht. "Wir wollen für etwa drei Jahre eine Integrationspauschale für die Kommunen, in die Bleibeberechtigte ziehen", so Kaygusuz-Schurmann. Für Cottbus wären das jährlich nach den Erwartungen der Stadt weit mehr als 1,5 Millionen Euro.

Die Stadt sammele zurzeit zum Thema Integration wertvolle Erfahrungen, so die Asyl-Koordinatorin: "Wir können dem Land genau sagen, wo nachgesteuert werden muss."

Cottbus hat inzwischen in allen Stadtteilen Netzwerke für die Flüchtlingsbetreuung aufgebaut, die ehrenamtliche Arbeit einbezieht. Unter den Ehrenamtlern sind auch Geflüchtete. Von den Cottbuser Erfahrungen profitieren inzwischen auch andere Kommunen. "Amtskollegen aus dem Süden Brandenburgs suchen den Fachaustausch mit uns", so Dezernent Berndt Weiße.

Kaum planbar ist für die Stadt das Thema Familiennachzug. Von Juli 2016 bis heute kamen auf diesem Weg 335 Menschen aus Drittstaaten nach Cottbus. Doch Angstszenarien von anrückenden Großfamilien seien völlig unbegründet, sagt der Cottbuser Sozialdezernent: "Die meisten Familien haben zwei bis drei Kinder." Ihr Weg führe über die deutsche Botschaft in Beirut oder Ankara und sei langwierig.

Zahlreiche Flüchtlinge aus Syrien, die nur einen eingeschränkten Schutzstatus erhielten, dürfen ihre Familien bisher gar nicht nachholen. Im kommenden Jahr endet diese Sperre. "Wie es dann für diese Gruppe weitergeht, ist eine politische Entscheidung", so Stefanie Kaygusuz-Schurmann.

Zum Thema:
In Cottbus leben zurzeit insgesamt rund 3200 Flüchtlinge, die in drei Gruppen unterteilt werden können.Rund 730 Menschen sind Asylbewerber oder Flüchtlinge, die nach abgelehntem Antrag aus irgendeinem Grund geduldet werden. Ihr Lebensunterhalt und ihre soziale Betreuung wird komplett vom Land finanziert.Die Zahl der getrennt davon betreuten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Cottbus beträgt knapp 50 Personen.Die dritte und größte Gruppe sind etwa 2400 Bleibeberechtigte mit abgeschlossenem Asylverfahren. Sie beziehen Leistungen vom Jobcenter. In ganz Brandenburg sind es mehr als 17 000 Menschen, was für Cottbus einen Anteil von rund 15 Prozent bedeutet.Im Internet: Alle Informationen der Stadt Cottbus zu Flüchtlingen sind zu finden unter www.cottbus.de/fluechtlinge

Eine Fülle von Aufgaben: Stefanie Kaygusuz-Schurmann ist Asyl-Koordinatorin der Stadt Cottbus.
Eine Fülle von Aufgaben: Stefanie Kaygusuz-Schurmann ist Asyl-Koordinatorin der Stadt Cottbus. FOTO: Wendler