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Die Haasenburg – ein ungewöhnliches Geschäftsmodell

Lässt eine Anwaltskanzlei die Kostensätze mit dem Landkreis Dahme-Spreewald verhandeln und erteilt Presse-Auskünfte nur über einen Sprecher - Mario Bavar, Geschäftsführer der Haasenburg.
Lässt eine Anwaltskanzlei die Kostensätze mit dem Landkreis Dahme-Spreewald verhandeln und erteilt Presse-Auskünfte nur über einen Sprecher - Mario Bavar, Geschäftsführer der Haasenburg. FOTO: Simone Wendler (Archiv)
Cottbus.. Wie viel Gewinn darf ein privates Kinderheim machen? Regelungen gibt es nicht, obwohl der Steuerzahler für die Kosten aufkommt. Die Haasenburg im Unterspreewald hat rund drei Millionen Euro Gewinn in Krediten angelegt. Simone Wendler

D ie Haasenburg in Neuendorf (Dahme-Spreewald) ist ein ganz besonderes Heim für Kinder und Jugendliche. Hier werden seit 2002 extrem schwierige Fälle aus ganz Deutschland aufgenommen und intensivpädagogisch betreut. Durch viel Personal kann auch eine de facto geschlossene Unterbringung angeboten werden. Die Einrichtung mit Häusern im Unterspreewald, am Schwielochsee und östlich von Berlin hat insgesamt 114 Plätze und ist die einzige mit einem solchen Angebot in Brandenburg.

Dafür bezahlen Jugendämter aus ganz Deutschland sehr viel Geld. Ein Platz kann bis zu 10 000 Euro pro Monat kosten. Die mit der intensiven Betreuung begründeten hohen Preise sind jedoch nicht die einzige Besonderheit der Haasenburg.

Für die Vereinbarung, was ein Platz in der Haasenburg kosten darf, ist das Jugendamt Dahme-Spreewald zuständig. Die seit 2005 als GmbH geführte Privatfirma hat dort ihren Hauptsitz. "Die Verhandlungen mit uns werden fast ausschließlich durch eine renommierte Fachanwaltskanzlei geführt", sagt Jugendamtsleiter Hubert Lautenbach. Das sei völlig ungewöhnlich und vermittle das Gefühl von Misstrauen gegenüber der Verwaltung. Üblich sei mit Betreibern solcher Einrichtungen ein eher "partnerschaftlicher Umgang". Im Januar wurde nach zweijähriger Verhandlung die jüngste Einigung erzielt. Zwei Mal schon musste eine Schiedsstelle bemüht werden. "Mit anderen Trägern ist das nicht so", sagt Lautenbach.

Er bestätigt, dass für Plätze in der Haasenburg mehr als 300 Euro pro Tag bezahlt werden. Die mit dem Landkreis vereinbarten Preise gelten bundesweit für alle Jugendämter, die Klienten in den Unterspreewald schicken. Das scheint sich wirtschaftlich zu lohne n.

Wachsende Gewinne

Eigentümerin der Haasenburg GmbH ist die JCD-Beteiligungs GmbH, die dem Haasenburg-Gründer Christian Dietz und seiner Frau gehört. Die Bilanzen der Haasenburg weisen seit Jahren Gewinne aus, die inzwischen insgesamt auf rund drei Millionen Euro angewachsen sind.

Geschäftsführer Mario Bavar steht für Auskünfte über die Entwicklung des Therapiezentrums und die Gewinnverwendung nicht zur Verfügung. Anfragen beantwortet schriftlich als Beauftragter Hinrich Bernzen. Der bezeichnet Kosten und Umsatz der Haasenburg GmbH als "den Aufwendungen entsprechend". Zahlen nennt er nicht.

Die bisherigen Gewinne seien nicht ausgeschüttet, sondern zur Bildung von Rücklagen eingesetzt worden, um weiter zu investieren, so Bernzen. Das Geld sei sicher und zinsbringend angelegt "durch Vergabe von Krediten an Partner". Wer die Partner sind, könne er zur Zeit nicht sagen. Geschäftsführer Mario Bavar sei im Urlaub.

Zweifel, dass die sehr kostenintensive Betreuung in der Haasenburg immer hält, was sie verspricht, kamen erstmals 2008 durch einen Prozess am Cottbuser Landgericht auf. Ein damals 19-Jähriger musste sich wegen versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung verantworten. Ein Jahr vorher hatte er als Bewohner der Haasenburg versucht, einer Betreuerin in den Hals zu beißen. Auf einen Mitarbeiter ging er mit einer Schere los. Er wurde dauerhaft in die Psychiatrie eingewiesen.

Trotz mehrfach geäußerter abnormer Sexual- und Kannibalismusfantasien habe der zwei Meter große junge Mann in der Haasenburg Kraftsport treiben und Horrorvideos anschauen dürfen, kritisierte das Gericht in der Urteilsbegründung. Auch Zweifel an der Ausstattung mit Fachpersonal wurden aktenkundig. Das Landesjugendamt Brandenburg bescheinigte dem Heim jedoch später "keine schwerwiegenden Fehler" gemacht zu haben.

Gescheiterter Erziehungsversuch

Zwei Jahre später, 2010, standen drei Jugendliche in Berlin vor Gericht. Sie überfielen nachts auf der Straße eine Frau und fügten ihr mit einem Geländerpfosten schwere Schädelverletzungen zu. Die Mutter zweier Kinder lag eine Woche im Krankenhaus. Die drei Täter erhielten mehrjährige Jugendstrafen. Zwei von ihnen hatten sich in der Haasenburg kennengelernt, wo sie vorher jeweils zweieinhalb Jahre lebten.

Dass Anspruch und Wirklichkeit in der Haasenburg nicht identisch seien, behaupten Insider, die anonym bleiben wollen. "Da werden schöne Berichte für die Jugendämter geschrieben, aber mit zu wenig Fachkräften und zu viel unerfahrenen Kollegen gearbeitet", behauptet einer. Das Heim sei eine "Gelddruckmaschine".

Übereinstimmend schildern mehrere Insider eine hohe Fluktuation, einen rüden Umgang mit Mitarbeitern und schlechte Bezahlung. Es sei schwer, hinter die Kulissen einer solchen Einrichtung wie der Haasenburg zu schauen. Viele Jugendämter hätten daran auch nicht zu viel Interesse. Die seien froh, ihre Probleme vom Tisch zu haben.

Für die Festlegung der nötigen Fachkräftezahl in Kinder- und Jugendheimen ist das Landesjugendamt bei der Betriebserlaubnis zuständig. Kontrolliert wird später jedoch nur nach Hinweisen auf Mängel. Die wurden bei der Haasenburg bisher jedoch nicht festgestellt. Deren Sprecher Bernzen versichert, die Personalstärke läge sogar über den Vorgaben.

Wie Mitarbeiter in solchen Einrichtungen bezahlt werden, geht jedoch weder das Landesjugendamt noch den zuständigen Landkreis etwas an. "Der Gesetzgeber wollte das so, dass freie Träger in verschiedenen Rechtsformen da tätig werden", sagt der Jugendamtsleiter Dahme-Spreewald, Hubert Lautenbach.

Die letzte Entscheidung, ob ein Angebot genutzt werde, liege beim einweisenden Jugendamt, so Lautenbach. Wie viel Gewinn die Haasenburg macht, ginge ihn als Jugendamtsleiter nichts an. Doch als zufriedenstellend empfindet er diesen Zustand offenbar nicht: "Wenn man da mehr Transparenz hineinbringt, dient das allen Beteiligten. "

Zum Thema:
Die Aufsicht und Kontrolle von stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe ist aufgeteilt.Landesjugendamt: Zuständig für die Betriebserlaubnis einer Einrichtung. Legt die nötige Personalstärke fest, auch die Qualifikation. Kontrolliert als Fachaufsicht, wenn es Hinweise gibt, dass das Wohl der Kinder und Jugendlichen gefährdet sein könnte.Jugendamt des Kreises, in dem die Einrichtung ihren Sitz hat: Legt den Basiskostensatz für die Unterbringung fest. Dazu muss der Träger detailliert seine Kosten nachweisen. Der Kostensatz gilt dann deutschlandweit für alle einweisenden Jugendämter. Einweisende Jugendämter: Kö nnen über den Basiskostensatz hinaus zusätzliche Einzelleistungen mit dem Heim vereinbaren. Sie vereinbaren Hilfepläne mit dem Träger und bekommen Berichte über die Betreuung und Therapierung. Einweisende Jugendämter können Hunderte Kilometer vom Heim entfernt sein .