In diesem Jahr wird der Mythos der Glienicker Brücke weiter befeuert: Im Oktober startet Steven Spielbergs "Bridge of Spies" ("Brücke der Spione") in den angelsächsischen Kinos. In den Hauptrollen: Tom Hanks - und die legendäre "Agentenbrücke", die Potsdam und Berlin verbindet. Insgesamt dreimal wurden dort während der Blockkonfrontation Spione zwischen Ost und West ausgetauscht, die größte Aktion datiert vom 11. Juni 1985. Sie jährt sich am heutigen Donnerstag zum 30. Mal.

Anders als bei den Hollywood-Dreharbeiten - wo 2014 viele Schaulustige ihre Smartphones und Kameras zückten - war 1985 nur ein einziges journalistisches Filmteam vor Ort. Die Bilder gingen dennoch um die Welt. 23 aufgeflogene West-Spione durften im Austausch für vier enttarnte Ost-Agenten zurück in die Heimat. Es war das zweite Tauschgeschäft des Kalten Kriegs, das auf der Brücke abgewickelt wurde. Kein Jahr später folgte der dritte und letzte Agentenaustausch an dem Ort - dieses Mal vor vielen Augen der versammelten Weltöffentlichkeit.

Der Großtausch vor 30 Jahren stieg ausgerechnet an "High Noon": Um zwölf Uhr mittags stehen sich Diplomaten und Geheimdienstler aus West und Ost auf der Glienicker Brücke gegenüber. Zwischen ihnen verläuft eine weiße Linie, die die Grenze zwischen West-Berlin und der DDR markiert. In Bussen sitzen die entlarvten Spione. Richard Burt, später US-Botschafter in Bonn, überquert die Linie und verkündet den gefangenen West-Agenten ihre baldige Freiheit. Jubel bricht aus.

Dass es sich um einen Massenaustausch handelte, zeugt davon, dass keine Hochkaräter unter den Spionen waren. "Die CIA-Agenten, die im Osten verhaftet wurden, waren kleine Fische, Freizeit-Agenten", sagt der Publizist Norbert Pötzl. Sie hätten oft nur kleinere Aufgaben gehabt wie etwa Truppenbewegungen zu melden. "Lange Zeit haben sich die Amerikaner für diese in der DDR Inhaftierten gar nicht interessiert, sie haben sich gar nicht dazu bekannt."

Auslöser des Austauschs war denn auch eigentlich der sowjetische Dissident Nathan Scharanski, der aus Israel stammte und in den 1970er-Jahren verhaftet worden war. "Um seine Freilassung bemühten sich Juden im Westen", erzählt Pötzl. Doch die Verhandlungen dauerten Jahre, unter anderem weil die Sowjets darauf bestanden, Scharanski als Spion auszutauschen, während die Amerikaner ihn als politischen Häftling ansahen. "So kamen mit der Zeit andere Gefangene ins Gespräch", sagt Pötzl.

Am Ende stand die Lösung des 11. Juni 1985. Scharanski kam aber erst im Folgejahr frei, wiederum als Teil eines Agentenaustausches - wenn auch symbolisch getrennt, weil er als Erster und allein die Brücke überquerte.

Geboren wurde der Mythos der Agentenbrücke 23 Jahre zuvor, beim ersten Austausch, von dem es keine Bilder gibt. Die Geschichte aber erzählt der Hollywood-Film mit Tom Hanks. Hanks spielt den US-Anwalt James B. Donovan, der das Geschäft auf westlicher Seite einfädelte. Zunächst überzeugte Donovan eine US-Jury davon, Moskaus Top-Atomspion Rudolf Abel als mögliches Tauschobjekt nicht zum Tode zu verurteilen. Nach Verhandlungen mit DDR-Anwalt Wolfgang Vogel - im Film gespielt von Sebastian Koch - wurde Abel im Februar 1962 gegen den US-Piloten Francis Gary Powers übergeben, der auf einem Spionageflug über der Sowjetunion abgeschossen worden war.

Weitere Austausch-Aktionen über andere Grenzpunkte folgten - die meisten völlig unspektakulär. Umso filmreifer inszenierten West und Ost die Deals auf der Glienicker Brücke - und lieferten so die Vorlage für Hollywood.

Zum Thema:
Der Austausch von Agenten zwischen Ost und West auf der Glienicker Brücke ist nicht zuletzt deswegen so bekannt geworden, weil zwei dieser Aktionen in öffentlichen Bildern dokumentiert sind. Dabei fand das Gros enttarnter Agenten an anderen Orten zurück in die Heimat - und in der Regel auch diskreter. Zu den prominentesten enttarnten und freigelassenen Spionen zählte DDR-Kanzleramtsspion Günter Guillaume. In der langen Reihe der Austauschaktionen ging es einmal sogar um eine Leiche. 1968 entließ Ost-Berlin zwei Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes für die in West-Berlin tödlich verunglückte DDR-Spionin Gudrun Heidel.