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Die getrennten Schwestern an Oder und Neiße

Blick über die Stadtbrücke von Guben auf die Grenzanlagen und hinüber ins polnische Gubin.
Blick über die Stadtbrücke von Guben auf die Grenzanlagen und hinüber ins polnische Gubin. FOTO: Foto: dpa
Am Mittellauf der Oder liegen Frankfurt und Slubice, südlich davon an der Neiße die Zwillingsstädte Guben und Gubin. Noch weiter im Süden, in Sachsen, liegt Görlitz und auf der anderen Flussseite Zgorzelec. Alle drei Zwillingsstädte flankieren die frühere „Oder-Neiße-Friedensgrenze“, wie sie zu DDR-Zeiten hieß. Der Westen nannte die von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs künstlich geschaffene Trennlinie zwischen Deutschland und Polen Oder-Neiße-Linie. Viele Jahre lang waren die Flüsse für die Menschen an beiden Ufern unüberwindbar. Von S.-C. Kosel und <br> Bettina Grachtrup

Das Ufoscheint zum Greifen nah. Nur wenige hundert Meter von Frankfurt(Oder) entfernt ragt es in die Landschaft. Und doch ist es Teileiner anderen Welt. Das Ufo heißt Collegium Polonicum undbeherbergt deutsche und polnische Studenten. Kurz hinter deröstlichen EU-Außengrenze steht es - auf der einen Seite diewild-romantischen Auen der Oder, auf der anderen die frischsanierte Fußgängerzone der polnischen Grenzstadt Slubice, in deres von Zigaretten-Shops und deutschsprachigen Friseuren wimmelt.
Hunderte Krähen umschwärmen das moderne Gebäude. Der riesige, inschrillen Farben gestrichene Komplex entstand im Auftrag derFrankfurter Europa-Universität Viadrina und derAdam-Mickiewicz-Universität Poznan (Posen). In den Pausendiskutieren die Studenten zwischen dem plätscherndenSpringbrunnen und den riesigen Grünpflanzen im Innenhof aufDeutsch, Polnisch oder Englisch. Die polnischen Studentinnen sindgut zu erkennen: Sie tragen Kostüm und Schminke. Ihre deutschenKommilitoninnen haben Jeans und Pullover an.
In blauen Jeans und hellbraunem Sakko sitzt KrzysztofWojciechowski im dritten Stock des Collegium Polonicum. Derdrahtige, fließend Deutsch sprechende Pole ist dort der Direktor.Mit freundlichem Lächeln blickt er auf die Fußgängerpassage vonSlubice und erinnert sich. "Vor zehn Jahren konnte ich von hieraus die Zigarettenschmuggler beobachten." Kurz nach dem Fall desSozialismus in Mittel- und Osteuropa war die Kriminalität an derdeutsch-polnischen Grenze für jeden sichtbar. "Nach einigenProzessen ist den Schmugglern die Lust vergangen", sagt derVerwaltungsdirektor.

Bürgersteige hochgeklappt
Als Wojciechowski 1991 in die kleine polnische Grenzstadt kam,war er doppelt schockiert. "Slubice war ein finsteresprovinzielles Städtchen mit grauen Fassaden, kaputtenBürgersteigen, Frankfurt eine postsozialistische Stadt mitPlattenbauten, breiten Straßen und Bürgersteigen, die um 18 Uhrhochgeklappt wurden", berichtet er. "Ich dachte: Hier soll eineUniversität entstehen für Studenten aus der ganzen Welt?"
Im Jahr seiner Ankunft bekam Frankfurt zudem ein Etikett, mit demes bis heute kämpft: als Hort des Rechtsextremismus. Im April1991 bewarfen 250 zugereiste Rowdys einen polnischen Bus mitSteinen. "Die Eltern meiner Studenten wollten wissen, ob ihreKinder hier sicher sind", erzählt der Mittvierziger.Fremdenfeindliche Übergriffe gibt es an der Oder immer noch, aberdeutlich seltener als kurz nach der Wende.
Der Blick aus dem Fenster ist inzwischen lohnenswerter: MitEU-Mitteln bekam Slubice ein freundlicheres Gesicht mit neuenStraßen und frisch gestrichenen Häusern. Die Silhouette vonFrankfurt ist dagegen noch immer von Plattenbauten undHochhäusern dominiert.

Autos reihen sich aneinander
In den Pausen werden Wojciechowskis Studenten meist zuGrenzgängern. Wenn sie die Straße vor dem Collegium überquerthaben, stehen sie schon auf der Stadtbrücke, die Frankfurt undSlubice verbindet. Ein Auto reiht sich an das andere. Mit großenEimern bewaffnete junge Polen wischen in der Hoffnung aufTrinkgeld die Autoscheiben an den Wagen mit deutschenKennzeichen. Rentner aus Frankfurt tragen in Stoff- oderPlastikbeuteln eine Stange Zigaretten oder eine Flasche Alkoholüber die Brücke. Manche haben keinen Beutel, aber eine frischeFrisur.
Die Studenten genießen einen Sonderstatus. Sie zeigen denGrenzern nur kurz ihren Studentenausweis. Dann eilen sie durchdie Fußgängerzone von Frankfurt. "Wir ziehen um", steht dort aufschmutzigen Fensterscheiben. Geschäfte werden nun in der neuen"Lenné-Passage" gemacht, die nach dem Fall der Mauer imStadtzentrum entstand.
Bürgermeister der 70 000- Einwohner-Kommune ist Martin Patzelt.Wie die Studenten geht der Christdemokrat oft über den Flusshinüber in die frühere Dammvorstadt mit ihren 17 000 Einwohnern,die seit 1945 Slubice heißt.
Für den jugendlich wirkenden grauhaarigen Familienvater gibt eskeine Alternative zur Aufnahme Polens in die EU. "Ich bin daraninteressiert, dass Handel und Wandel und Gemeinschaft das Lebenauf beiden Seiten der Oder reicher machen", betont Patzelt, derbeim Treffen mit den Kollegen aus dem Osten noch einenDolmetscher braucht. "Es gibt die Pioniere, Funktionäre undEnthusiasten, die das alle wollen. Aber wir müssen auchpragmatische Ansätze finden, um die Menschen in diesen Prozessmitzunehmen."
"Wir haben aufgehört, in der Geschichte rumzustöbern", meint derfrühere Bürgermeister von Slubice, Stanislaw Ciecierski.Selbstverständlich gebe es noch psychologische Barrieren. "Siesind aber unvergleichbar kleiner als noch vor zehn Jahren." Daslässt sich etwa an Hinweisschildern in Frankfurt ablesen."Achtung! Diebstähle werden angezeigt", steht da. Dieser Satz warlange besonders häufig auch in Polnisch zu lesen. Mittlerweilewerden Polen in den Geschäften der deutschen Oderstadt in ihrerMuttersprache begrüßt: "Serdecznie witamy!" (Herzlichwillkommen!), heißt es immer öfter.
Deutsche waren nach den bitteren Kriegserfahrungen nicht beliebtin Polen: Die Schlesier wurden ausgebürgert. Im ehemalsdeutschsprachigen Gebiet wurden Vertriebene aus den früherenpolnischen Ostregionen angesiedelt, deren Heimat nun zurSowjetunion gehörte. 1950, mit dem Vertrag über die"Oder-Neiße-Friedensgrenze", entwickelten sich allmählichKontakte auf kommunaler Ebene. Der normale DDR-Bürger konnte die"Freundschaftsbrücken" in Görlitz und Frankfurt jedoch erst ab1972 ohne Passzwang überqueren. Nach acht Jahren schloss die DDRdie Grenze wieder - damit die Solidarnosc-Welle nichtüberschwappte. Erst 1991 öffneten sich die Brücken für denvisafreien Verkehr.
Träge fließt die Neiße und trennt in der Weite eines Steinwurfsdas deutsche Guben vom polnischen Gubin. Die HauptverkehrsachseFrankfurter Straße führt noch heute zielgerichtet auf dieNeiße-Brücke zu, um dort unvermittelt vor einem Grenzübergang zuenden. Einkaufstouristen, Pendler oder Schüler zückenroutinemäßig ihre Pässe, um von den Grenzbeamten ohne Aufenthaltdurchgewinkt zu werden in die jeweils andere Welt.
Im 23 000 Einwohner großen Guben verstärkt der EU-Beitritt Polensdie Zukunftsängste, in Gubin wird er dagegen überwiegend mitgroßen Hoffnungen verbunden. Laut Umfrage lehnen 40 Prozent derGubener einen Zusammenschluss der Städte im vereinten Europa ab.In Gubin mit 19 000 Einwohnern sind es nur 16 Prozent. GubensBürgermeister Klaus-Dieter Hübner kann das Ergebnisnachvollziehen: "Vie-le Gubener sind überrascht, dass dieEU-Osterweiterung so schnell kommt."

"Primär für Guben"
Auch er selber fühlt sich angesichts der Erweiterung 2004sichtlich unter Druck. In den vergangenen Jahren sei versäumtworden, die Stadt darauf vorzubereiten, kritisiert derFDP-Politiker. "Primär bin ich verantwortlich für die Entwicklungvon Guben." Er werde kein Projekt dulden, das nicht beidseitigeinen wirtschaftlichen Vorteil erzielt, sagt er. Ein vomBundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projektunter dem Titel "Stadt 2030. Leitbild für die DoppelstadtGuben-Gubin" soll mehrere Szenarien erarbeiten.
"Die EU-Erweiterung wird sich positiv für Guben auswirken", meintHübner im Gegensatz zu vielen Einwohnern. Schon heute lebe einTeil der Wirtschaft vom polnischen Einkaufstourismus. Die Polenwollen auch Freizeitmöglichkeiten auf deutscher Seite nutzen. UndInvestoren könne Guben die höchsten Fördersätze und die Nähe zumpolnischen Markt bieten, betont der Bürgermeister und zeigt aufeine Broschüre, mit der Guben um Investitionen wirbt.

Wegweiser "Guben 0,5 km"
Die Zusammenarbeit auf politischer Ebene ist teilweise eng. AberHübners Amtskollege Lech Kiertyczak in Gubin glaubt, dass es nochmindestens zehn Jahre dauert, bis ein gemeinsames Stadtparlamentzu Stande kommen könnte. "Es ist schwierig", lässt er seinenDolmetscher übersetzen und gibt die langsamen Entwicklungen ander Grenze Deutschlands mit Frankreich oder den Niederlanden zubedenken. Ein Wegweiser vor dem polnischen Rathaus erinnertdaran, wohin die Reise gehen soll. "Guben 0,5 km", steht darauf.

Künftig nur eine Verwaltung
Zwei Autostunden gen Süden: Rolf Karbaum und Miroslaw Fiedorowiczsitzen am Ende der langen Holztafel im Ratssaal des GörlitzerRathauses. Die beiden Männer im mittleren Alter sind inbenachbarten Straßen zur Welt gekommen. Das war vor 1945 östlichder Oder. Jetzt ist Karbaum Stadtoberhaupt im sächsischenGörlitz. Fiedorowicz ist Chef des Rathauses in Zgorzelec."Willkommen in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec", heißt es aufder gemeinsamen Seite der Neiße-Zwillingsstädte im Internet. "Eswird hier künftig nur eine Verwaltung geben mit einemOberbürgermeister an der Spitze", sagt Karbaum, und seinTischnachbar nickt.
Vor elf Jahren haben die Schwestern an der Neiße einenPartnerschaftsvertrag geschlossen. Seitdem fahren wieder täglichBusse hin und her. 1998 wurde die Europastadt Görlitz/Zgorzelecproklamiert. Der Gang über die Brücke ist für viele Menschen eineSelbstverständlichkeit.
Millionen sind in den vergangenen Jahren in die Sanierung vonGörlitz geflossen. Viele Häuser sind frisch saniert. Dochschweift der Blick gen Osten, ändert sich das Bild: Riesigeschmutzige Plattenbauten ragen in den Himmel. Und während in derwestpolnischen Kommune Wohnungen fehlen, stehen in Görlitztausende Wohnungen leer. Die Stadtverwaltung plant, Polen dorteinziehen zu lassen. Nach derzeitiger Rechtslage ist das nochunmöglich. Die Stadt hofft aber, ihr Vorhaben nach derEU-Osterweiterung umsetzen zu können.