Wie sind Sie Märchenforscher geworden?
"Ich wollte eigentlich Lehrer für Deutsch und Geschichte werden. Aber während meines Studiums habe ich mich immer mehr mit der Erforschung von Märchen beschäftigt. Ich habe damals angefangen, bei einem großen Forschungs-Projekt mitzuarbeiten. Es heißt Enzyklopädie des Märchens. Es ist ein Lexikon, ein Nachschlagewerk in 15 Bänden. Die Mitarbeit an diesem Werk hat mein Interesse so sehr geweckt, dass ich dabei geblieben bin. Das war vor über 40 Jahren! In zwei Jahren soll das Lexikon nun endlich fertig werden."

Haben Sie Lieblingsmärchen?
"Ja, zum Beispiel ,Der gestiefelte Kater'. Oder ,Hans im Glück'. Mir gefällt an den beiden Märchen, dass sie nicht nur ernst sind, sondern auch humorvolle Züge haben."

Wozu sind Märchen überhaupt gut?
"Märchen sind erfundene Geschichten. Jeder weiß, dass sie nicht wahr sind. Aber sie könnten wahr sein! Zumindest in bestimmten Teilen. Die Rivalität zwischen Geschwistern zum Beispiel - das gibt es auch in der Wirklichkeit. Oder dass eine Familie nicht genug zu essen hat. Wie bei Hänsel und Gretel. Märchen haben dabei keine aufgesetzte Moral. Das bedeutet: Sie zeigen nicht mit dem Zeigefinger. Oder sagen: Das ist richtig und das ist falsch. Natürlich kann man aus Märchen etwas lernen. Man sieht es nur oft auf den ersten Blick nicht. Man muss sich seine eigenen Gedanken machen."

Worum geht es in Märchen?
"Im Grunde geht es fast immer um das Gleiche: Es gibt einen Mangel oder ein Problem, das gelöst werden muss. Oder jemand kommt in Gefahr und muss sich bewähren. Meistens sind es die jüngsten Geschwister, die dieses Problem meistern. Sie schaffen das, was die älteren Geschwister nicht schaffen. Früher wurden sie von diesen noch gehänselt und geärgert. Aber plötzlich sind sie die Besten und Größten."

In welchem Märchen ist das so?
"Zum Beispiel beim Aschenputtel oder den Sieben Raben. Das Märchen zeigt uns: Wünsche können wahr werden. Die Außenseiter sind plötzlich hoch angesehen. Jemand, der erst schlecht behandelt wurde, wird zum Aufsteiger und heiratet den Prinzen oder die Prinzessin."

Mit Hans-Jörg Uther sprach

Stefanie Paul (dpa)