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| 02:40 Uhr

"Die ganze Welt hat Präsident Trump"

Die Filmdarsteller Agnieszka Mandat (l.) und Miroslav Krobot in "Pokot".
Die Filmdarsteller Agnieszka Mandat (l.) und Miroslav Krobot in "Pokot". FOTO: Robert Palka/Berlinale/dpa
Die polnische Regisseurin sieht mit Sorge den erstarkenden Rechtspopulismus. Auch um die Unabhängigkeit des Kinos fürchtet sie.

Eine in die Jahre gekommene Hobby-Astrologin im polnischen Outback, brutale Wilderer und eine mysteriöse Mordserie: Der Feminismus-Thriller "Pokot" der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland (68) ist im Rennen um einen der Berlinale-Bären, die heute vergeben werden. Im Interview spricht sie über ihren Film und brisante politische Fragen.

Mit Ansätzen einer schwarzen Komödie thematisiert "Pokot" Umweltfragen und die Situation älterer Frauen in der Gesellschaft. Was kann man mit Humor ausrichten?
Holland Humor ist ein guter Träger. Er mobilisiert und entwaffnet. Er entwaffnet bei Angst und Abneigung. Wenn wir anfangen zu lachen hören wir auf, uns zu fürchten, und fühlen uns stärker. Humor kann aber auch ein gefährliches Mittel für seine Gegner sein. Es ist ein Werkzeug, mit dem sich bestimmte Ansichten, Bedeutungen und Verhalten übermitteln lassen, so wie es seit Langem Narren und das Kabarett gemacht haben. Humor hat auch eine politische Wirksamkeit.

Sie bezeichneten "Pokot" auch als feministischen Film, dessen Titel hätte lauten können "Das ist kein Land für alte Frauen".
Holland In Polen - aber nicht nur - werden Frauen in einem gewissen Alter unsichtbar, nichtexistent und als geradezu störend empfunden. Wenn eine Frau ihre sexuelle Attraktivität verliert, wird sie zu einem Niemand. Die Menschen schauen sie an, aber sehen sie nicht. Wenn sie aber etwas tut, um bemerkt zu werden, ruft sie Aggressionen hervor.

Gebraucht werden Frauen vor allem funktional, zum Beispiel als Oma, die sich um das Enkelkind kümmert. Deswegen gibt es gerade bei polnischen Frauen in einem gewissen Alter viel Bitterkeit. Ich war überrascht, wie sehr mir das bei den Probeaufnahmen der Schauspielerinnen auffiel. Bei angelsächsischen oder französischen Frauen gibt es das nicht.

US-Präsident Donald Trump streitet Klimaerwärmung ab und wurde wegen Frauenfeindlichkeit kritisiert. Beides Themen, mit denen sich "Pokot" auseinandersetzt ...
Holland Genau, und auch unser sogenannter "guter Wandel" (Motto von Polens nationalkonservativer Regierung), unsere Trumps sozusagen, legen einen ähnlichen Eifer zutage.

Die Jäger-Lobby ist sehr stark in dieser Regierung. Der Außenminister hat in einem Interview gesagt, echte Polen seien im Gegensatz zu Radfahrern und Vegetariern Kohle-Patrioten. Die Frauenfeindlichkeit ist nicht so derb wie bei Trump. Aber man versucht, Frauen wieder in ihre traditionellen Rollen zu stoßen und darauf zu reduzieren. Die ganze Politik zielt darauf ab, dass sie sich fortpflanzen und keine größeren Ambitionen haben, dass sie ihre Reproduktionsrechte nicht kontrollieren können. Es geht nicht nur um Abtreibung, sondern auch um Sexualunterricht und Verhütung.

Was kann Ihr Film bewirken?
Holland Ich denke nicht, dass mein Film diesen Prozess aufhalten kann. Da muss es erst zu einem großen Zusammenstoß kommen. Filme macht man aber, um Politik zu machen. Man kann die Sensibilität und Vorstellungskraft erweitern. Der Rest hängt von den Menschen ab, die den Film erst einmal mit offenem Herzen und Verstand sehen müssen und dann daraus für sich Schlüsse ziehen müssen. Sie müssen etwas sehen, was ihnen bis dahin vielleicht verborgen geblieben ist.

Wird die Präsidentschaft Trumps das US-Kino verändern?

Holland Mit Sicherheit wird sich die Gesellschaft verändern, sie tut es bereits. Nicht nur die USA haben Präsident Trump, die ganze Welt hat Präsident Trump. Das ist leider die Kehrseite so einer Weltmacht, wie die USA es sind. Trump ist Wind in den Segeln der ganzen Rechtspopulisten, die denken, die Demokratie habe sich erschöpft und die Zeit autoritärer weißer Macho-Regierungen sei gekommen. Selbst die Frauen, die so ein Denken von Macht haben, sind ein wenig solche männlichen Substitute. Aber es gibt auch Widerstand.

Zum Beispiel im Film?
Holland Hollywood ist derzeit bestimmt kein Befürworter Trumps. Mehr als 90 Prozent sind Liberale, für die Freiheit das Wichtigste ist. Was Trump sagt und tut, ist eine Beleidigung ihrer Wertvorstellungen. Deswegen ist Trump auch kein Hollywood-Fan. Er verfolgt alles zu seinem Thema und reagiert bei Twitter. Dass er Meryl Streep nach ihrer kritischen Ansprache bei den Golden Globes als am meisten überschätzte Schauspielerin bezeichnete, ist ziemlich komisch. Sie gilt ja als beste Schauspielerin unserer Zeit.

Polens Regierung wurde für ihre Eingriffe in die Kulturpolitik kritisiert. Ist das polnische Kino, wie es jetzt existiert, bedroht?
Holland Ich fürchte ja, weil Kino von staatlichen Fördergeldern abhängig ist. Insbesondere anspruchsvolles Kino kann sich in keinem europäischen Land ohne öffentliche Gelder finanzieren. Wenn die Verantwortlichen für Kulturpolitik sogenannte Kontrollfreaks sind, deren Auffassung nach alles mit ihren Weltansichten und Wertvorstellungen übereinstimmen muss - wenn sie sich als Besitzer der Fördergelder ansehen - dann ist es sehr einfach, bestimmte Bereiche zu brechen. Kino ist da besonders empfindlich, weil es am meisten Gelder braucht.

Ich zähle aber auf einen Sieg der Vernunft und einen gewissen Kulturpatriotismus: auf die Erkenntnis, dass es sich nicht lohnt, alles zu zerstören, das existiert, nur um zu beweisen, dass man im Recht ist.

Was ist Ihr Rat an junge Filmemacher in Polen, die auf Fördergelder angewiesen sind?
Holland Sie sollen nicht darüber nachdenken. Sie müssen eine innere Freiheit wahren. Es lohnt sich nicht, Angst zu haben und sich anzupassen. So entsteht weder ein guter Film noch kann man sicher sein, dass man diejenigen zufriedenstellt, die über die Welt herrschen wollen.

Mit Agnieszka Holland

sprach Natalie Skrzypczak

Zum Thema:
Agnieszka Holland (68) zählt zu Polens bekanntesten Regisseurinnen ("Hitlerjunge Salomon", "Der Tunnel"). Sie lebt in Polen und Frankreich und dreht auch in den USA ("House Of Cards"). Holland, eine Schülerin Andrzej Wajdas, wurde international vielfach ausgezeichnet (Golden Globe, Cannes, Oscar-Nominierung).