Vor meiner Stammkneipe gab es ein paar Menschen, die um 24 Uhr schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkten, die die Sektkorken knallen ließen und auch noch die Nationalhymne anstimmten. Hoch die Tassen. Das alles war mir äußerst suspekt. Sich über die Wiedervereinigung zu freuen oder sogar auf das eigene Land stolz zu sein, und dies auch zu zeigen, war damals noch lange keine selbstverständliche Haltung. So waren wir hier zwischen Fördertürmen, den letzten Kohlehalden und inmitten des Strukturwandels nicht erzogen worden. Und so komisch es auch klingt - es brauchte noch 16 Jahre, bis sich dieses Gefühl der Verbundenheit zum eigenen Land bei mir richtig einstellte. Und zwar, als Deutschland sich bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 daheim weltoffen und gastfreundlich präsentierte. Seitdem ist auch für mich nationale Freude normal und kein Zeichen mehr von Überheblichkeit.

Wie viele bin auch ich nach der Wiedervereinigung mal rüber gefahren, obwohl es dieses Drüben ja nicht mehr gab. Einfach, um mal zu gucken, einfach, um mal zu schnuppern in den Städten hinter der offiziell nicht mehr existierenden Grenze. Der Osten hatte ja durch die Einheit nicht sogleich das Fremde verloren. Ich erinnere mich an den Geruch der Braunkohle in den Straßen, klar, an Trabis und an stinkende Busse. Aber auch an volle Läden und alte, zerbeulte Westautos. Und selbstverständlich an die Wessis, die ihre Geschäfte im Osten machen wollten. Man merkte sofort, worum es einigen von ihnen ging - nämlich, die Ossis über den Tisch zu ziehen. Damals war ich 22 Jahre alt. Und ich gestehe, ich hatte mit Helmut Kohls blühenden Landschaften nicht viel am Hut, ich habe ihm nicht getraut. Ich war genervt von ihm. Ich stand auf der Seite von Oskar Lafontaine, der bei der Einheit ordentlich auf die Bremse trat.

In 25 Jahren bin auch ich diesbezüglich schlauer geworden. Gut, dass es die Wiedervereinigung gegeben hat. Sie hat das Leben freier, sogar lebenswerter gemacht. In beiden Teilen der Republik. Sie hat mich beruflich von Dortmund über Bonn nach Berlin gebracht. Dem spannendsten Ort der Republik. In die Stadt, wo die Grenze freilich auch nach 25 Jahren noch zu spüren ist. Ich kenne etliche Ossis, die nicht in den Westteil der Stadt fahren wollen. Und etliche Wessis, die immer noch den Osten meiden. Typisch deutscher Starrsinn. Immer noch scherze ich mit Ossi-Kollegen viel über ihre Eigenheiten - und über meine als Wessi. Ich gebe zu: Die Einheit ist auch bei mir noch nicht vollendet. Trotz des Vierteljahrhunderts. Das ist vor allem eine Kopfgeschichte, manche Denkmuster überleben einfach. Weshalb es besonders schön ist, wenn meine zehnjährige Tochter kein Empfinden mehr für das Trennende hat. Sie weiß zwar, dass Deutschland mal geteilt gewesen ist, sie kennt die Reste und den Verlauf der Mauer in Berlin. Für sie aber ist Leipzig eben Leipzig und Dortmund halt Dortmund. Ob ihre Einheit irgendwann auch meine wird? Ich wünsche es mir.