Es war im Jahre 2004. In Großräschen, an der ehemaligen Tagebaukante von Meuro, wurde der Grundstein für die IBA-Terrassen gelegt. Der angekündigte Staatssekretär aus dem Potsdamer Infrastrukturministerium hatte kurzfristig absagt. "Da musste Kathrin Schneider ran", erinnert sich der damalige IBA-Geschäftsführer Prof. Rolf Kuhn. Bei den symbolischen Hammerschlägen lernte Kuhn jene Referatsleiterin kennen, die in den folgenden Jahren mit dafür Sorge getragen hat, "dass die IBA zum Erfolg geführt werden konnte". Schneider, die über Jahre in der Gemeinsamen Landesplanungsabteilung (GL) Berlin-Brandenburg über die regionale Mittelverteilung in der Bergbausanierung mitbestimmte, wurde für Kuhn zur "besten Verbündeten" für die Entwicklung des Lausitzer Seenlandes.

Die Hammerschläge in Großräschen waren ein öffentlicher Auftritt, zu denen es Kathrin Schneider nie gedrängt hat. Ihr Ding sind die fleißigen Detailarbeiten, ohne die das große Ganze nicht funktionieren würde. Der IBA-Chef weiß noch genau, dass Kathrin Schneider entscheidende Impulse für den Erhalt der Biotürme in Lauchhammer gegeben hat. "Die Mittel, die für den Abriss des Industriedenkmals nötig gewesen wären, letztlich als Eigenanteil zu nutzen, um EU-Gelder zu beantragen - an dieser Finanzierungslösung und damit an der Rettung der Biotürme hatte sie einen großen Anteil." Zwar ist dies für Kuhn nur eine Episode, doch sie runde sein Bild von der heute 50-Jährigen ab. "Sie war eine strenge, fürsorgliche und strategisch denkende Partnerin", sagt er über jene Lausitzerin, für die das Seenland "der beste Umgang mit den Hinterlassenschaften des DDR-Bergbaus in der Lausitz nach 1990" war.

In ihrem neuen Potsdamer Ministeriumsbüro, in dem sie freundlich aufgenommen worden sei, erläutert sie faktenreich: Von einst 17 Tagebauen seien damals nur vier weitergeführt worden. Die technologische Kette bis hin zum Verfüllen der Restlöcher war gekappt worden. Niemand habe damals geplant gehabt, hier Seen anzulegen. Kathrin Schneider braucht für ihre Ausführungen keine Akten. Sie argumentiert fundiert, ihre Mimik verrät Souveränität. Was nicht von ungefähr kommt: Zwar hat die in Dürrenhofe auf dem elterlichen Bauernhof aufgewachsene Spreewälderin Agrartechniker-Mechatroniker mit Abitur gelernt und danach an der Berliner Humboldt-Universität ihr Diplom als Agraringenieur gemacht - doch zurück in die Landwirtschaft hat ihr Weg nicht geführt. Das Ende der DDR erlebte sie in der Bezirksverwaltungsbehörde Cottbus. In einem Ressort, das sie mehr als zwei Jahrzehnte nicht mehr loslassen sollte - der Bergbau.

Von hier aus wechselte die bis heute parteilose Ingenieurin ins Potsdamer Umweltministerium, wo die Sanierung der Bergbau-Folgelandschaften stets Bestandteil ihrer Arbeit war. Das Seenland hat sie von Anfang an als eine Chance für die Region begriffen und sich auch dafür eingesetzt. Heute fügt sie hinzu, dass die schiffbaren Kanäle "die Grundlage für den Erfolg des Seenlandes sind". Und sie kommt von selbst darauf zu erwähnen, dass die Kostenexplosion beim Bau der Überleiter "nicht in Ordnung" gewesen sei. "Die Kritik des Landesrechnungshofes war berechtigt", räumt Schneider ein. Als GL-Chefin musste sie dafür den Kopf hinhalten. "Wir haben auch über einen Stopp der Bauarbeiten beraten. Aber: Jeder Rückbau wäre teurer geworden, als die Kanäle fertigzustellen", betont sie.

Nicht erst an dieser Stelle hat die Lausitzerin auch Kritik einstecken müssen. Im Jahre 2010, gerade Chefin der Gemeinsamen Landesplanungsabteilung, erbt sie von ihrem Vorgänger Rainer Bretschneider den Vorsitz in der Fluglärmkommission für den Schönefeld-Airport. Da ist Protest nicht mehr weit weg, sondern hautnah. "Ich habe keine Angst vor Konflikten und kann damit gut umgehen", begründet Kathrin Schneider, warum sie schnell Zugang zu Bürgerinitiativen gefunden hat.

Manchmal, sagt sie, müsse man den Konfliktparteien nach einer bestimmten Zeit aufzeigen, was gerade passiert. Auf der Suche nach Kompromissen, oft in acht Stunden Beratung, hört sie zu, erläutert, muss einstecken und letztlich zusammenfassen. Als Erfolg wertet sie es - fast ein wenig bescheiden -, "wenn es nach heftigen Konflikten eine Entscheidung gibt, die die Mehrzahl akzeptieren kann". Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) bezieht sich nicht zuletzt auch auf den Vorsitz in der Fluglärmkommission, wenn er die neue Staatssekretärin bei ihrer Ernennung als "eine ausgewiesene Expertin und profunde Kennerin der Materie" charakterisiert. Er lobt, dass sie vieles im Land politisch und fachlich geregelt habe und bescheinigt ihr ein "gutes Händchen bei der Personalführung". Für Karl-Otto Weymanns, der ihr als GL-Referatsleiter in Cottbus folgte, kommt hinzu, dass Kathrin Schneider "sympathisch im Umgang und pragmatisch in ihren Entscheidungen ist. Das brauchen wir".

Dass der Regierungschef auch Kathrin Schneider anstelle von Rainer Bretschneider als Flughafenkoordinator für die Schönefelder BER-Baustelle in die Staatskanzlei hätte holen können - diese Mutmaßung wehrt die neue Staatssekretärin ab: "Rainer Bretschneider ist der Einzige in der Landesregierung, der diesen Job ausfüllen kann." Diese Einschätzung ist auch als ein Hinweis zu werten, dass Schneider durchaus bewusst ist, welch große Fußstapfen ihr Vorgänger hinterlässt.

Wer sie ausfüllen kann, war für Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) offensichtlich schnell klar. Denn schon am Abend des 14. Januar, nachdem Regierungschef Platzeck im Landtag die Vertrauensfrage wegen des BER-Debakels gestellt hatte und Bretschneider als Airport-Koordinator ins Gespräch kam, klingelt bei Kathrin Schneider das Telefon. "Ob sie es sich vorstellen könnte", wollte der Minister wissen. Beide kennen sich über Jahre aus der gemeinsamen Arbeit. Vogelsänger schätzt die Verwaltungserfahrungen und die Kenntnisse im Umgang mit Haushalten, die sie sich als Kontrolleurin im Ministerium angeeignet hat. Wenn der Minister sagt, "dass Kathrin Schneider schnell gute Entscheidungen trifft und Durchblick hat", dann dürfte die Wertschätzung auch im Gespräch am Tag nach dem Anruf die Fronten geklärt haben. Zwar hatte sich die Mutter zweier erwachsener Kinder (die Tochter lebt in Köln, der Sohn in Berlin), eine Nacht Bedenkzeit auserbeten. Eine Absage hatte der Minister wohl aber nicht zu befürchten. Dass die Chemie mit Vogelsänger stimmt, hat sie zusätzlich bestärkt, den bedeutenden Schritt auf der Karriereleiter zu gehen.

Wenngleich die neue Staatssekretärin in den kommenden Wochen mehr im Ministerium in der Potsdamer Henning-von-Tresckow-Straße als im Spreewald oder in ihrer Berliner Wohnung anzutreffen sein wird, sagt sie bestimmt: "24 Stunden im Hamster-Rad - das geht nicht. Darunter leidet die Arbeit." Deshalb will sie Kino, Theater, Ausstellungsbesuche ebenso nicht zurückstellen wie den Kontakt zu Freunden, Schwimmen, Laufen oder Radfahren. Freizeit müsse bleiben. Dass diese Ansage von manchem Wegbegleiter mit einem Augenzwinkern gesehen werden könnte, kontert Kathrin Schneider mit einer Maxime, die sie lebt: "Man muss es tun."

Zum Thema:
Stationen im Berufsleben: 1978: Lehre als Agrartechniker-Mechatroniker mit Abitur; 1981 - 1986: Diplom als Agraringenieurin an der Humboldt-Universität in Berlin; 1990: Bezirksverwaltungsbehörde Cottbus, Ressort Umwelt und Raumordnung, Dezernat Bergbau; 1992: Wechsel ins Umweltministerium; 2002: Referatsleiterin; 2009: Leiterin der Gemeinsamen Landesplanungsabteilung Berlin-Brandenburg; 2010: Zusätzlich Leitung der Fluglärmkommission für den Flughafen Berlin Brandenburg