Roland Jahn verließ 1983 die DDR gegen seinen Willen, eingesperrt in ein leeres Zugabteil. Mit einer Knebelkette gefesselt hatten Polizei und Staatssicherheit den Oppositionellen aus Jena zum Grenzübergang geschleppt, um sich seiner zu entledigen. Weil er nach einer Haft bereits im Westen bekannt war, wurde er nicht wieder ein-, sondern ausgesperrt.

Jahn, inzwischen Leiter der Stasiunterlagenbehörde des Bundes in Berlin, diskutiert am Montagabend in der gut gefüllten Cottbuser Oberkirche mit Pfarrer Christoph Polster und Siegmar Faust über die Folgen von Flucht und Ausreise. Faust wurde nach politischer Haft in Cottbus in den Westen freigekauft und engagiert sich heute für den Aufbau des Menschenrechtszentrums auf dem ehemaligen Gefängnisareal in Cottbus. Polster erlebte als Pfarrer in der DDR die kontroverse Diskussion über Ausreisen oder Ausharren in Kreisen der evangelischen Kirche. Den Vorwurf, wer weggeht, lässt seine Gemeinde im Stich, habe er schon damals als unfair empfunden: „Die Leute sind ja nicht aus freien Stücken gegangen, sondern weil sie den Druck nicht mehr ausgehalten haben.“

„Der Preis für das Weggehen war die Trennung“, stimmt ihm Jahn zu. Zwischen Verwandten, Freunden, zwischen Ausgereisten und Gebliebenen habe sich die deutsche Teilung fortgesetzt. „Ich habe in Athen auf der Akropolis gestanden und mich nach Jena gesehnt“, bekennt er. Als Jahn erzählt, wie er im November 1989 die Nacht der Maueröffnung in Berlin erlebte, wird seine Stimme rau.

Später sagt er an diesem Abend, dass für ihn die Fluchtwelle im Sommer 1989 die größte Oppositionsbewegung war. Das habe viel Kraft bei denen freigesetzt, die bleiben wollten. „Für die stand dann aber fest, es muss sich etwas ändern.“

Welche seelischen Wunden Flucht und Ausreise verursachten, wurde in Briefen deutlich, die Weggegangene an Freunde und Verwandte in der DDR schrieben und die der Staatssicherheitsdienst abfing. Drei Cottbuser Jugendliche und der Schauspieler Jochen Stern lasen Auszüge aus diesen Briefen, die in den Akten der Stasiunterlagenbehörde, Außenstelle Frankfurt (Oder) archiviert sind. Wie viele davon ihre Empfänger erreichten, ist nicht bekannt.

Siegmar Faust weist auf Nachfrage jeden Rachegedanken wegen seiner Verfolgung in der DDR weit von sich. „Man muss auch Täter akzeptieren, die ihr Unrecht inzwischen einsehen“, sagt er sogar und schaut dabei zu Lothar Nicht, Beigeordneter in Cottbus und Mitglied der Linken, der im Publikum sitzt. Seit zwei Jahren kennen sich beide durch das Menschenrechtszentrum.

Er sei schon sehr bewegt gewesen, als Faust ihm bei ihrer ersten Begegnung von seiner Haft in Cottbus erzählt habe, sagt Nicht nach der Veranstaltung. Sein Denken über die DDR habe sich aber schon lange vorher verändert, sagt der frühere SED-Genosse.

Der Abend in der Oberkirche ist nicht die erste Veranstaltung der Stasiunterlagenbehörde, die Nicht besucht. Dass er dabei eine gewisse Beklommenheit verspüre, werde vermutlich nicht vergehen, sagt er. „Ich kann aber damit leben.“ Der Linke-Politiker spricht ohne Scheu von der DDR als einem „Unrechtsstaat“. Dass Teile seiner Partei noch über eine Rechtfertigung der Mauer diskutieren, löst bei ihm nur Kopfschütteln aus. Simone Wendler