Am Osterwochenende, befand der Parteichef, sei es Zeit für einige bittere Wahrheiten über die Krise der FDP. Also rechnete Philipp Rösler mit der Ausrichtung der Liberalen unter seinem Amtsvorgänger ab. Das schmeckte Guido Westerwelles nach wie vor nicht unerheblicher Gefolgschaft gar nicht.

Auch die Umfragewerte vor den entscheidenden Mai-Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen liefern Grund zur Panik. Die Folge: ein heftiger Personal- und Richtungsstreit statt österlicher Ruhe - Liberale am Rande des Nervenzusammenbruchs. "Die FDP hat sich zu lange auf das Thema Steuersenkung reduziert", sagte Rösler, der nach einer Wahlpleiten-Serie sondergleichen mit Bangen auf das Votum der Wähler und die Reaktion seiner Partei blicken muss. "Den Liberalismus auf die Formel "Mehr Netto vom Brutto" zu verkürzen, das ist zu wenig."

Eine Spitze gegen Westerwelle, der freilich mit diesem Thema bei der Bundestagswahl 2009 das Rekordergebnis von 14,6 Prozent eingefahren hatte. Derzeit liegt die FDP bundesweit, in NRW und im Norden bei rund vier Prozent.

Rückhalt für Westerwelle

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Für den einstigen Generalsekretär Dirk Niebel hat Westerwelle die FDP in breiten Bevölkerungsschichten attraktiver gemacht. "Gerade der Anteil Arbeitsuchender unter den FDP-Wählern ist gestiegen, weil sie sich bessere Einstiegschancen erhofften." Im Übrigen, so der heutige Entwicklungsminister spitz, sei der Vorwurf einer thematischen Verengung "immer das Argument des politischen Gegners" gewesen. Rösler hatte zuletzt spürbar versucht, trotz aller Bedrängnis das Heft in die Hand zu nehmen. Er setzte sich im Präsidentschafts-Streit um Joachim Gauck gegen CDU-Kanzlerin Angela Merkel durch - nicht ohne diesen Erfolg mit einem "Merkel-Frosch-Vergleich" zu entwerten. Wegen der hohen Spritpreise brachte der Wirtschaftsminister die populäre Erhöhung der Pendlerpauschale ins Spiel, biss sich damit aber bei Merkel und ihrem Kassenwart Wolfgang Schäuble bislang die Zähne aus.

Beim Unions-Streitthema Betreuungsgeld äußerte sich der FDP-Chef und Vizekanzler süffisant: Zu dieser Leistung - sie soll ab 2013 Eltern zugutekommen, die ihre Kleinkinder zu Hause betreuen, statt sie in eine Kita zu geben - solle der Koalitionspartner erstmal seine Position klären. Danach könne "die Union gerne auf uns zukommen mit einem konkreten Vorschlag". In den beiden Bundesländern, deren Wahlergebnisse das Schicksal der FDP und Röslers entscheiden könnten, kämpfen zwei liberale Alpha-Tiere mit offenkundig größtmöglicher Distanzierung vom Parteichef. Nordrhein-Westfalens FDP-Hoffnungsträger Christian Lindner, der sich als Parteigeneral im Streit von Rösler trennte, lässt klar erkennen, dass er Berliner Koalitions-Knatsch als kontraproduktiv für sein Projekt "Fünf Prozent plus x" ansieht.

Der um Spitzen gegen die FDP-Führung selten verlegene Kieler Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki riet zunächst, die Union bei ihrem ureigensten Thema Betreuungsgeld nicht zu reizen - um am Ostersonntag grundsätzlich nachzulegen. "Der Prozess des Vertrauensverlustes ist tiefer als je zuvor", konstatierte Kubicki. "Ich habe in meinen 41 Jahren FDP-Mitgliedschaft und in 35 Jahren in Führungsgremien noch keine Phase erlebt, in der die FDP so lange in den Umfragen unter fünf Prozent gelegen ist."

Neues Denken gefordert

Dann ging es auch inhaltlich ans Eingemachte. "So wie die FDP den Begriff Wachstum derzeit propagiert, können die Leute damit wenig anfangen", lästerte Kubicki über Röslers programmatische Neuausrichtung. "Was soll das denn sein? Familienwachstum? Haarwachstum? Wir müssen diese abstrakten Begriffe mit nachvollziehbaren Inhalten füllen. Daran mangelt es."

Zwar rechne er mit Wahlerfolgen im Mai dank der "beiden speziellen Charaktere" Kubicki und Lindner. Doch leider sei die Kommunikation der FDP mit den Bürgern seit dem Triumph 2009 "unterirdisch". Mit Blick auf die von der FDP-Spitze abgelehnte Transaktionssteuer zur Eindämmung der Exzesse im Finanzsektor ätzte Kubicki: "Es ist gelungen, die FDP als kaltherzig, neoliberal, nicht mitfühlend darzustellen."

Auf dem Bundesparteitag will Kubicki noch im April zusammen mit Lindner ein neues Denken durchsetzen. Eine Ankündigung, die Rösler auch als Drohung auffassen kann. Ob auf den österlichen Kleinkrieg tatsächlich die Wiederauferstehung bei den Mai-Wahlen und nach Pfingsten eine neue liberale Mission folgen werden, hängt von zwei der ärgsten Widersacher des jungen FDP-Chefs ab.