Es war in der Nacht vom 14. April 1912, kurz vor Mitternacht, als die "Titanic" auf einen Eisberg stieß. Rund drei Stunden später war das damals größte Schiff der Welt in den eisigen Meerestiefen versunken. Ungefähr 1500 Menschen riss es mit sich in den Tod. Niemand, der dabei war, lebt heute noch. Und dennoch scheint der Moment im kollektiven Gedächtnis seltsam präsent. Fast jeder hat eine Vorstellung, was in diesen Stunden geschah: In der 1. Klasse klirrte das Kristallglas auf den Tischen, die Kapelle spielte bis zum Untergang weiter, in den überfüllten Unterdecks starben die Menschen mit billiger Fahrkarte zuerst.

Trotz aller Schiffskatastrophen, die die Welt in den vergangenen 100 Jahren gesehen hat, fasziniert bis heute keine die Menschen so sehr wie der Untergang der "Titanic" auf ihrer Jungfernfahrt. Dank unzähliger Verfilmungen, Bücher, Fotos und Ausstellungen haben die meisten bildliche Assoziationen im Kopf, wenn sie auch nur den Namen hören. Mal sind die richtig, mal haben sich Legenden im Laufe der Jahrzehnte verselbstständigt. Selbst in unseren Sprachgebrauch hat der Ozeanriese Eingang gefunden: "Keine Panik auf der ,Titanic‘" zum Beispiel.

Im 100. Gedenkjahr wird die Erinnerung an das damalige Vorzeigeschiff der White Star Line allerorten wieder neu geweckt. In Belfast, wo das Schiff gebaut wurde, eröffnet ein neues Museum und Geschäftszentrum, das Millionen gekostet hat. Der Blockbuster der 90er-Jahre schlechthin - James Camerons "Titanic" mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio - kommt als 3D-Version zurück ins Kino.

Das Geschäft mit Erinnerungsstücken rund um die "Titanic" boomt. Regelmäßig werden Rekordpreise für ein echtes Stück Geschichte rund um die "Titanic" bezahlt. 2008 zahlte ein anonymer Käufer in London umgerechnet rund 42 000 Euro für eine Fahrkarte für die Jungfernfahrt. 2010 wurden bei einer Auktion in Südengland mehr als 62 000 Euro für einen auf dem Luxusdampfer verfassten Brief gezahlt.

Im Jubiläums-Monat April kommen etwa in New York mehr als 5000 Artefakte beim Auktionshaus Guernsey's unter den Hammer - darunter Parfüm-Fläschchen, ein Rasiercreme-Behälter, Schmuckstücke der Passagiere und Schiffsteile. Die vom Wrack geborgenen Stücke sind nur als Kollektion zu haben, ihr Wert wird auf knapp 150 Millionen Euro geschätzt.

Aber warum ist es gerade die "Titanic", die die Menschen nicht loszulassen scheint? "Dafür gibt es viele Gründe", erklärt John Wilson Foster, emeritierter Professor aus Belfast und Autor mehrerer "Titanic"-Bücher. "Es war immerhin der Untergang des damals größten Kreuzfahrtschiffes der Welt, und es gab 1500 Tote." An Bord des Dampfers waren mehr als 2200 Menschen.

Zentral sei auch, dass die Liste der Passagiere außergewöhnlich vielfältig gewesen sei. "Das führte dazu, dass das Schiff selber als Mikrokosmos der europäischen und US-amerikanischen Gesellschaft der Zeit gesehen wurde." In der 1. Klasse seien einige der reichsten Männer der Welt mitgefahren. "Das Schiff bot einen Symbolismus, den Kommentatoren und Künstler nur ergreifen mussten. Die Passagierliste war auch kulturell sehr vielfältig, mit Schriftstellern, Malern, Modeschöpfern, Schauspielern und anderen an Bord. Die Besetzung für diese Tragödie, die zum Teil ins Melodrama verschoben wurde, ist in der Geschichte der Schiffskatastrophen nie besser gewesen."