"Jura Soyfer?", höre ich fragen. "Wer ist das?" Wenigstens: Wer fragt, interessiert sich. Also: Er ist einer, den man vor dem Vergessenwerden bewahren muss. Fast vergessen, darf er nicht ganz vergessen werden. Ein Publizist war er, ein Dramatiker, ein Österreicher, in der Ukraine geboren und Sohn eines jüdischen Industriellen. Einer, der mit der Familie vor der bolschewistischen Revolution und ihrem Terror nach Wien geflohen war. Den Bolschewiki entronnen, widmete er sich dennoch sozialistischen Schriften, trat einem sozialdemokratischen Kabarett bei und übte sich im szenischen Schreiben. Er forderte ein politisches Theater, das die Welt durchschaubar macht. Das brachte ihn geistig in Brechts Nähe. Aber er kopierte diesen nicht. Er verschmolz die Agitation mit einer ironisch-satirischen Weltsicht und lebte seinem Traum von einer gerechteren Welt. Eiserner WitzEin Zeitgenosse sagte von ihm: "Jura Soyfers Humor schaffte den eisernen Witz eines lebenden Kämpfers. Jura Soyfers Traum war nicht der himmelblaue Traum des Wiener Spießers. Die Farbe der Welt, von der Jura Soyfer träumte, war nicht himmelblau."Es gibt kein Zitat, welcher Farbe sie wirklich war, aber sicher hatte diese mit der Morgenröte oder dem Lavaschein zu tun. Seine Stücke wie "Der Weltuntergang", "Der Lechner Edi schaut ins Paradies" und "Astoria" holen mit fantastischen Mitteln (drohende Kometenkatastrophe; Zeitmaschine in die Vergangenheit zur Erforschung der Gründe heutigen Elends; Hoffnungen auf ein Land, das gar nicht existiert) soziale Stoffe in den Zerrspiegel der klärenden Übertreibung. "Vineta" an bühne 8Mit einem anderen, ebenso originellen Stück fasst Jura Soyfer 70 Jahre nach seinem Tode in der Lausitz Fuß. Ein kleines rühriges Amateurensemble, das Cottbuser Studentenwerktheater bühne 8, hat sich seines Stückes "Vineta" angenommen. Der Titel bezieht sich auf die sagenhafte Stadt an der Ostseeküste, die unterging, weil ihre Bewohner dem Hochmut und der Verschwendung frönten.Rahmenhandlung: Jonny, ein alter, heruntergekommener Matrose, erzählt in der Kneipe Geschichten, um damit Bier zu schnorren. Theaterleiter Mathias Neuber spielt Jonny. "Jonny war in seiner Jugend nach einem gesunkenen Schiff getaucht und unten geblieben. Er wurde in Vineta aufgenommen und eingebürgert. Die Leute dort lebten geschichtslos und hatten keine Erinnerung. Nur das Heute interessierte sie: Sie machten Geschäfte und finanzielle Transaktionen. Jonny fiel es schwer, sich da einzufügen. Aber immerhin konnte er, nachdem er sich diesem Nicht-Leben angepasst hatte, sogar aufsteigen: Er wurde Senator. Seine Rest-Erinnerung trieb ihn um. Leben ist anders, sagte er sich, um schließlich heftig rudernd und um sich schlagend wieder aufzutauchen.""Eine Parabel", sagt Regisseur Volkmar Weitze, der zu denen gehört, die Soyfer nicht vergessen haben. Er war dessen Stücken seit vierzig Jahren, zuerst an einer Dresdner Studentenbühne, immer wieder begegnet."Ich staune noch heute, wie einer, der nur 26 Jahre alt wurde, solch ein Werk hinterlassen konnte. Er stellt moralische Ansprüche. Und sicher ist es in seinem Sinne, diesem Stück, für das wir uns entschieden haben, heutige Fragen zu stellen. Die krisenhafte Entwicklung in einer Welt, die alles aufs Geld reduziert, braucht dramatische Antworten."Torsten Dubrow spielt den Intellektuellen, einen Stadtschreiber. Der Physikstudent ist von dieser Aufgabe begeistert. "Der Zusammenprall zwischen dem Geist, der den Intellektuellen führt, und Jonnys Gefühlen von Liebe und Hass schafft spannende Situationen. Wie gern folgte auch der Stadtschreiber Gefühlen, aber sie sind ihm in dieser Welt versagt."Gefühle von Gerechtigkeit und Geborgenheit waren auch Jura Soyfer versagt. Als sie ihn einmal versehentlich verhaftet hatte, fiel der mit den Nazis kooperierenden Polizei auf, dass Soyfer durchaus ein zwar "versehentlicher", trotzdem aber guter Fang war. Seine Dramen und Aufsätze galten als "belastendes Material". Er kam ins KZ. Wäre er nicht durch Krankheit gestorben, wer weiß, was sein Schicksal gewesen wäre. Wieder-GeburtstagAber lebt, wer noch oder wieder gespielt wird, nicht in einem ganz besonderen und hehren Sinne? Der 70. Todestag Jura Soyfers ist heute. Die Theaterpremiere bei bühne 8 am 6. März um 20.30 Uhr kann man vielleicht als eine Art von Wieder-Geburtstag ansehen. Als einen Tag, der uns auf die Farbe der Welt aufmerksam macht.