Die Lage in Polen ist so ernst, dass man sich schon wieder über sie lustig machen kann. So war es während des Kommunismus, als die Parteisekretäre in zahlreichen Kabarettwitzen aufs Korn genommen wurden. Damals war Satire ein Katz-und Maus-Spiel der Autoren mit der Zensur. Das Publikum musste zwischen den Zeilen lesen.

Die aktuelle Video-Serie "Das Ohr des Vorsitzenden", präsentiert von der Gruppe "Kabarett der moralischen Unruhe", ist dagegen einfach zugänglich - über den Internet-Kanal Youtube (die RUNDSCHAU berichtete). Jeder Pole, der sich auch nur etwas für Politik interessiert, kann sich dabei amüsieren. Nur manchmal ist das, was als Karikatur gedacht war, der Realität gefährlich nah. Da wird es einem eher angst und bange.

Die Hauptfigur der Serie ist der Vorsitzende der nationalkonservativen Regierungspartei Jaroslaw Kaczynski. Er wird dargestellt von Robert Gorski, einem der populärsten Kabarettisten in Polen und Gründer des politischen "Kabaretts der moralischen Unruhe". Früher parodierte Gorski bereits Kaczynskis Vorgänger Donald Tusk.

Kaczynski zieht heute in Polen die politischen Fäden, obwohl er selbst nur Parlamentsabgeordneter ist. Ins Parteigebäude, wo er im Film mit seiner Katze in einem kleinen Zimmer hockt, pilgern die wichtigsten Personen im Land, vom Chef des Staatsfernsehens bis zum Verteidigungsminister. Alle wollen ans "Ohr des Vorsitzenden" heran. Nicht allen gelingt das. Der Staatspräsident etwa, auch in der Realität eine Marionette Kaczynskis, muss draußen bleiben.

Auch Angela Merkel taucht in der PiS-Zentrale auf (Folge 8). Sie muss sich zunächst brav im Sekretariat anmelden, um das kleine Zimmer betreten zu dürfen. Wenige Minuten vor ihrem Besuch wird noch schnell eine Europaflagge auf den Tisch gestellt, die den Parteigenossen sonst als Putzlappen dient.

Die Bundeskanzlerin erklärt dem Vorsitzenden, dass man Flüchtlinge nicht mit Terroristen verwechseln soll. Sie kann auch nicht verstehen, warum er seinen Landsmann Donald Tusk bei der Wiederwahl zum EU-Ratsvorsitzenden nicht unterstützt. Kaczynski ignoriert die Fragen und zeigt sich vom Besuch gelangweilt.

In einer der Folgen weist Kaczynski seine Leute an, wie man seinen Erzfeind Donald Tusk diffamieren soll. Der Außenminister soll ihn nämlich als Deutschen darstellen - das allein sollte reichen, um ihn der Glaubwürdigkeit in Europa zu berauben. Da Donald Tusk bei der Wiederwahl zum EU-Ratspräsidenten von Angela Merkel unterstützt wurde, könne man ihn jetzt als "deutschen Kandidaten" betrachten. Als "einen Deutschen" also. Damit wird allen klar, warum Polen gegen seine Wiederwahl protestiert hat.

Die Deutschen hätten sich übrigens doch gar nicht verändert, sie seien "dieselben wie früher, nur die Uniformen haben sie abgelegt" - so der Vorsitzende. Außerdem sei Tusk an allem schuld, was in Europa schiefläuft: am Brexit, am Flüchtlingsproblem, an den terroristischen Attacken. Da weicht der karikierte Kaczynski nicht so sehr vom Original ab. Die verbalen Angriffe auf Tusk haben auch einen innenpolitischen Grund. Nach seiner Rückkehr nach Polen könnte er der PiS bei den Präsidentschaftswahlen 2020 im Wege stehen. "Wir werden Tusk fertigmachen" - tröstet der Innenminister den besorgten Kaczynski. Nach einer Hetzkampagne kann Tusk das Amt des polnischen Präsidenten vergessen - freut sich die PiS-Elite im "Ohr des Präses".

Der wirkliche Jaroslaw Kaczynski gibt zu verstehen, dass er Distanz zu sich selbst hat. "Gut, dass sie lachen. Man soll lachen" - kommentierte er die Serie im Interview im staatlichen Rundfunk, der mittlerweile fast komplett von der Regierung kontrolliert wird. Ist das aber wirklich so?

Der Intendant des Staatsfernsehens erklärte sich bereit, die Serie auszustrahlen. Die Bedingung: Sie soll Jaroslaw Kaczynski nicht mehr auslachen. Deshalb bleibt das "Kabarett der moralischen Unruhe" erstmal im Netz. Im Gegensatz zum Staatsfernsehen herrscht hier keine Zensur.

Alle Folgen der Serie unter

www.youtube.com