Sondern auch, weil doch ein paar Parlamentarier sich die Mühe gemacht haben, die Leitlinien für den Euro-Rettungsschirm EFSF durchzuarbeiten – obwohl sie unzulänglich sind und der umstrittene Hebelmechanismus von Milliarden zu Billionen darin nicht vorkommt. „Feinstes Finanzchinesisch“, sagt einer frustriert.

So kompliziert wie das Brüsseler Papier ist, gestaltet sich auch der Tag für Angela Merkel. Es wird hektisch, mitunter ist die Stimmung gereizt, und am Ende bleibt bei vielen eine große Unzufriedenheit zurück. Im Bundestag gibt es neuerdings genügend Abgeordnete, die aus ihrer Überforderung keinen Hehl mehr machen. Um die Gemüter zu beruhigen, begibt sich Angela Merkel auf Infotour im Reichstag.

Merkel hat ein dickes Fell – das Lächeln ist ihr trotz des Euro-Chaos noch nicht vergangen. Wer in diesen dramatischen Krisenstunden mit ihr zu tun hat, sagt: „In ihrer Haut möchte ich nicht stecken.“ Selbst aus den Reihen der Opposition ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass man eigentlich ganz froh ist, derzeit nicht regieren zu müssen. Merkels Stabilitätsanker ist im Moment vor allem Volker Kauder: Mit dem Unions-Fraktionschef telefoniert sie unentwegt, am Donnerstag noch haben die beiden morgens zusammengehockt, um zu beraten, wie die Situation in der Fraktion ist und das weitere parlamentarische Verfahren aussehen könnte. Auch, ob Merkel ihre für gestern geplante Regierungserklärung überhaupt halten soll – sie sagt sie anschließend ab. Danach wettert Kauder per Interview gegen die ärgerliche Brüsseler Krisendiplomatie beim Euro-Schuldendrama, die keine Rücksicht auf das deutsche Parlament nehme. Merkel und Kauder wissen, genau das denken viele in den Koalitionsfraktionen. Die Abgeordneten wollen mitreden, bekommen dafür aber kaum Zeit. „Die Sache ist zu kompliziert, als dass man sich in wenige Stunden ein Bild davon machen könnte“, mosert ein CDU-Mann über die Richtlinien und die Lücken in dem Papier.

Das Tempo und der Druck sind atemberaubend. In den Koalitionsfraktionen betont Merkel zwar, bei der Bekämpfung der Euro-Krise gehe „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“. Glauben will ihr das allerdings nicht jeder. Merkel betont weiter, an den Richtlinien zum EFSF müsse noch gearbeitet werden, denn die müssten schließlich tragen. Die Kanzlerin habe, so heißt es, strikt bestritten, dass es Streit oder Unstimmigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich gebe. Es gehe allein um „technische Formulierungsfragen“. Da stellt sich jedoch die Frage, warum der für Sonntag geplante Gipfel geteilt worden ist, wenn er nicht zu scheitern drohte.

In Wahrheit schachern Deutschland und Frankreich heftig um die Frage, wie die 440 Milliarden Euro, die dem EFSF künftig zur Verfügung stehen , am effektivsten eingesetzt und finanztechnisch vervielfacht werden können.