In einer Situation, in der die Kriseneinschläge näher kommen, in der alles nachRichtungsentscheidungen schreit statt nach technokratischem Klein-Klein, in der nicht wenige den Anfang vom Ende der Europäischen Union ausmachen, haben die Staats- und Regierungschefs nicht gehandelt - sondern delegiert, vertagt und kaum messbare kleinste gemeinsame Nenner als Erfolge verkauft.

Es hört sich zuerst gut an, dass 20 000 Flüchtlinge aus Krisengebieten nach Europa geholt und den überforderten Italienern und Griechen 40 000 Asylbewerber abgenommen werden sollen. Ohne verpflichtenden Verteilungsschlüssel steht die konkrete Umsetzung in den Sternen. Kommt die beschämend geringe Anzahl über freiwillige Aufnahmeangebote nicht zustande, wird gar nichts passieren.

Die Scheinlösung ist ein Ergebnis dessen, dass die Krise das Vertrauen und die Solidarität untereinander hat erodieren und nationale Egoismen zum Maß aller Dinge hat werden lassen. Angela Merkel warnt vor "Spannungen" zwischen den EU-Staaten - ein Begriff, der in der Welt der Diplomatie nicht für die Mitglieder des eigenen Bündnisses reserviert ist.

Ihrer europäischen Verantwortung ist auch die Kanzlerin nicht gerecht geworden, speziell beim Thema Griechenland. Es ist fahrlässig, eine Lösung den Finanzministern sowie im Vorfeld EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds zu überlassen. Erstens ist die Stimmung so vergiftet, dass eine Einigung an diesem Samstag selbst dann kaum gelingen dürfte, wenn man inhaltlich nah beieinander ist. Zweitens geht es nicht nur um Zahlen und Details der griechischen Rentenreform, in die sich die "Chefs" nicht einmischen wollen. Abgesehen davon, dass sie das oft getan haben, wenn es ernst wurde: Es ist nicht Sache von Ministern, Entscheidungen dieser Größenordnung zu treffen.

Was nun auch passiert - Staatspleite, Euro-Aus oder erneute "Rettung" -, es wird die EU auf Jahre prägen. Das gilt auch für die Art, wie man jetzt miteinander umgeht. Keine Frage, ein großer Teil des zerstörten Vertrauens geht auf das Konto der griechischen Regierung. Und doch tritt auch die Gläubigerseite die Gemeinschaft mit Füßen: Man kann neue Athener Vorschläge nicht erst als Fortschritt bezeichnen und dann alles mit roter Farbe anstreichen. Das musste als Provokation aufgefasst werden.

All dies auf der technischen Ebene zu belassen, ist ein Fehler und wird bestenfalls zu einer weiteren Scheinlösung führen. Der mutigere Schritt wäre es einzugestehen, dass Griechenland wenigstens eine Übernahme der bald fälligen Schulden bei der Europäischen Zentralbank durch den Euro-Rettungsschirm braucht, um auf die Beine zu kommen - ernsthafte Reformen vorausgesetzt. Auch diese Entscheidung wäre eine für Staats- und Regierungschefs.

Der politische Mut jedoch ist in der Krise auf der Strecke geblieben. Die Staatenlenker schrecken wegen des europaweiten Erfolgs der EU-Gegner vor den nötigen Entscheidungen zurück, lösen damit aber keine der vielen Probleme und liefern den Populisten mit dem Stillstand noch die Nahrung für ihre Kritik - ein Teufelskreis. Wohlwollend könnte man davon sprechen, dass Sorgen und Nöte der Wähler ernst genommen werden, doch es ist nichts weiter als Führungsschwäche. Hätten die Regierenden nach dem Zweiten Weltkrieg nur auf ihre Völker gehört, Deutschland wäre nicht schon in den Fünfziger Jahren die Hand zur Versöhnung gereicht worden.

Heute jedoch ist niemand in Sicht, der die vielen gordischen Knoten unserer Tage zu durchschlagen bereit ist. Wie die nächsten Aufgaben - die Euroreform etwa oder das britische Referendum - überhaupt bewältigt werden können, ist völlig offen.