Es gibt einen Hinweis darauf, dass - nach einer Zeit des Trauerns - die Anti-Terror-Maßnahmen nicht nur in Frankreich, sondern auch in Europa insgesamt verschärft werden dürften. "Wir werden sicherstellen, dass alles, was auf europäischer Ebene getan werden kann, um Frankreichs Sicherheit zu gewährleisten, gemacht wird", kündigte der EU-Ratsvorsitzende Donald Tusk in einem Schreiben an Präsident Francois Hollande an: "Und wir werden dafür sorgen, dass Europas Anti-Terror-Strategie geeignet ist, um den Herausforderungen der nächsten Monate zu begegnen."

Schon nach den Anschlägen auf das Satireblatt "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt im Januar ebenfalls in Paris hatte die europäische Politik erste Konsequenzen gezogen. So gibt es im sogenannten Schengener-Informationssystem, in das die Sicherheitsbehörden Erkenntnisse zu nach Europa einreisenden Personen einstellen, mittlerweile eine eigene Kategorie für die aus Syrien oder dem Irak zurückkehrenden Kämpfer des Islamischen Staates, der Terrormiliz, die sich am Samstag zu den Anschlägen von Paris bekannt hat.

Überhaupt gab es noch im Januar weitreichende Bekenntnisse zu mehr Informationsaustauch, mit dem es noch nicht zum Besten bestellt ist. "Für diese Defizite gibt es zig Beispiele", hatte der CSU-Europaabgeordnete Manfred Weber, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei, bei einer Parlamentsdebatte im Mai gesagt. "Systeme zum Informationsaustausch existieren, werden aber nicht voll ausgeschöpft", schrieb die EU-Kommission, als sie ihre neue Sicherheitsstrategie mit einem Anti-Terror-Lagezentrum bei der Polizeibehörde Europol vorschlug. "Es ist an der Zeit", forderte Kommissionsvize Frans Timmermans damals, "dass wir Europäer besser und enger zusammenarbeiten, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten."

Für seinen Vorschlag einer europaweiten "Gefährder"-Datenbank freilich kommt der konkrete Gesetzesvorschlag - so will es der traurige Zufall - erst in den nächsten Wochen auf den Tisch. Auch das grenzüberschreitende Lagezentrum gibt es noch nicht. Immerhin wurde in Den Haag kürzlich eine Einheit ins Leben gerufen, die die Arbeit der Behörden zur Erkennung radikalisierter Jugendgruppen zu koordinieren versucht.

Der Radikalisierung junger Menschen in Europa versuchen zahllose Akteure in verschiedenen Ländern und Städten entgegenzuwirken. Ende 2011 wurde ein Netzwerk auf EU-Ebene ins Leben gerufen, das dem Austausch von Erfahrungen dient. Nach den Pariser Anschlägen vom Januar wurde zudem das Internet als wichtigstes Rekrutierungsmedium islamistischer Terroristen ausgemacht und eine verstärkte Kooperation mit den großen Netzunternehmen angekündigt. "Wir müssen sie ermuntern, terroristische und extremistische Inhalte von ihren Plattformen zu entfernen", hieß es in einer Erklärung der EU-Innenminister von Ende Januar. Dies solle freilich "in Übereinstimmung" mit den freiheitlichen Grundsätzen Europas geschehen.

Tatsächlich stehen dabei weniger gesetzliche Maßnahmen im Vordergrund als eine informelle Abstimmung, da Unternehmen wie Google, Twitter oder Facebook dem EU-Anti-Terror-Koordinator Gilles de Kerchove zufolge rasch reagieren, wenn die Sicherheitsbehörden sie auf entsprechende Inhalte aufmerksam machen. Gute Erfahrungen mit dem "Saubermachen", so formulierte es de Kerchove einmal, habe etwa eine dazu ins Leben gerufene Spezialeinheit von Scotland Yard gemacht. Nach Angaben der EU-Kommission vom Samstag ist - wiederum ein zeitlicher Zufall - für kommende Woche die Gründung einer "Internetplattform" geplant, über die die Zusammenarbeit zwischen Facebook & Co. und Europol institutionalisiert wird.

Die Behörde in Den Haag klopft das Netz bereits nach islamistischer Propaganda ab, doch kündigten die EU-Innenminister bereits Ende Januar an, dass sie "weitere Möglichkeiten, um illegale Inhalte aufzuspüren" für notwendig halten - freilich "in Übereinstimmung" mit Europas freiheitlichen Werten. Die hat am Samstag auch der frühere belgische Premier Guy Verhofstadt, aktuell Fraktionschef der Liberalen im Europaparlament, beschworen. Er sieht dennoch die Notwendigkeit, die europäischen Anti-Terrormaßnahmen viel stärker auszubauen: "Der EU-Anti-Terror-Koordinator sollte mehr Kompetenzen erhalten, sodass er zu Europas Central Intelligence Agency werden." Man brauche jetzt eine gemeinsame Strategie, so Verhofstadt weiter: "So lautet schon nach Charlie Hebdo die Schlussfolgerung, doch sind unsere politischen Anführer anschließend wieder zu einer losen Koordination der Geheimdienstarbeit zurückgekehrt."