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| 01:02 Uhr

Die Entschuldigung der Täter fehlt

Oswiecim – ein Ort wie jeder andere? Zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zeigte sich gestern erneut, dass die polnische Kleinstadt sich ihrer Geschichte nicht entziehen kann. Die RUNDSCHAU fragte nach, wie junge Menschen mit der Vergangenheit dieses Ortes umgehen. Von Kerstin Singer <br> und Anna Sprycha

30 Zentimeter Schnee bedecken das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birke nau. Daniel Rubenstein steht am Rande der Gedenkveranstaltung, zitternd vor Kälte. Minus zehn Grad. Fest zieht der junge Jude die dünne israelische Fahne um seine Schultern. Schneeflocken sammeln sich darauf. Was er hier eigentlich macht, fragt sich der 21-Jährige gerade selbst. Nur für Stunden ist er zusammen mit anderen Studenten der hebräischen Universität in Jerusalem nach Auschwitz gereist. Von den Reden versteht er nur die auf Hebräisch, die anderen sind auf Polnisch, Russisch und Französisch. Seine Vorfahren sind bereits vor dem Holocaust nach Israel ausgewandert. Trotzdem ist es für ihn wichtig, dabei zu sein. Ich repräsentiere hier Israel, meint er. Jugendliche aus Südafrika und Australien hat er hier getroffen, aber keine deutschen.

Oswiecim fast unbekannt
Überhaupt fällt auf, dass die Gedenkfeier in Auschwitz von Politikern, Journalisten und Überlebenden dominiert wird. Alicia ist eine der wenigen polnischen Jugendlichen bei der Veranstaltung. Für die junge Pfadfinderin ist die Arbeit im Museum Auschwitz Normalität. Fast täglich hilft sie dort. Heute bringt sie den angereisten Überlebenden warme Wolldecken, ein notdürftiger Schutz gegen Schnee und Kälte. Fast zwei Stunden sitzen die alten Menschen im Freien. Trotzdem lassen sie es sich nicht nehmen, dabei zu sein. In Oswiecim, der Stadt neben dem ehemaligen Konzentrationslager, zu leben, ist für Alicia nicht leicht. Ausch witz haben die Nationalsozialisten aus Oswiecim abgeleitet, einer Stadt mit langer Geschichte. Trotzdem kennt heute fast niemand auf der Welt Oswiecim, aber alle kennen Auschwitz. Jedes Mal mit dem Museum in Verbindung gebracht zu werden, wenn ich gefragt werde, wo ich lebe, ist nicht einfach, meint die 21-Jährige. Sie hat dann das Gefühl, ein Teil der Schuld mittragen zu müssen.
Für polnische Jugendliche wie sie ist der Umgang mit der Geschichte der Konzentrationslager sonst ganz verständlich. Bereits in der Grundschule werden sie an das Thema herangeführt - aus polnischer Sicht. Und so sind die Opfer in erster Linie Polen, polnische Helden und dann erst Juden. Denn darauf gründet sich unter anderem der polnischen Nationalstolz. Deshalb kommt es immer wieder zu Spannungen, wenn Juden Auschwitz für sich beanspruchen. Meist bei solchen Feierlichkeiten. Denn einen alltäglichen Umgang mit Juden gibt es in Polen nicht mehr, zu wenige leben noch in dem Land.
Auch das alte jüdische Viertel von Krakau ist längst nur noch touristische Kulisse. Anka, Piotr und Agnieszka gehen hier gerne ein Bier trinken. Die Vorstellung, dass sich hier wieder jüdisches Leben abspielen könnte, ist für die Mittzwanziger kaum vorstellbar. Die Aufmerksamkeit, die Auschwitz gestern bekam, kann Piotr nicht verstehen. Er ärgert sich mehr über das Verkehrschaos durch Straßensperren und Schneegestöber. "Auschwitz ist für uns ganz alltäglich", meint Anka. Anders sei jetzt, dass Polen nun in der EU ist und in zehn Jahren es die Überlebenden vielleicht nicht mehr gibt.
Trotzdem haben die polnische Jugendliche Berührungsängste. "Ich war noch nie dort. Ich würde das nicht aushalten", erklärt Agnieszka. Auch die Ausmaße der diesjährigen Gedenkveranstaltung kann die 25-Jährige nicht verstehen. "Das ist 60 Jahre her. Am Wichtigsten ist, dass nichts vergessen wird. Aber ich erwarte auch nichts von den jungen Deutschen. Keine Entschuldigung oder so etwas", sagt sie. Für die drei jungen Polen ist Auschwitz ein internationaler Ort - kein rein polnischer, deutscher oder jüdischer. Trotzdem wollen sie, dass eines klar ist: Es waren keine polnischen Konzentrationslager.
Jeden Tag treffen sich vier Bewohner von Oswiecim vor dem Museum Auschwitz. Sie legen Blumen am Zaun ab, zünden Kerzen an, legen die Polenfahne über die schmiedeeisernen Spitzen. Das ist unsere Pflicht als Katholiken, erklärt Henryk Popiel*. Viel lieber würde er die Blumen direkt am großen Kreuz niederlegen, das dort nach dem Besuch des Papstes in den 80er-Jahren aufgestellt wurde, doch davon trennt ihn der Zaun. Betreten verboten, seitdem 1993 die Nonnen das Karmeliterkloster verlassen und in ein 500 Meter entferntes Gebetszentrum ziehen mussten. Doch Henryk Popiel will hier der Toten gedenken - hier, wo er als Kind zusah, wie Gefangene mühsam Kies zum Bauen abtragen mussten. Sie schaufelten das Loch, das später für Exekutionen genutzt wurde. Zwei Mal sah der Oswiecimer, wie 80 Menschen gemeinsam erschossen wurden. Das waren nicht nur Hitler oder die Nazis, das waren die Deutschen, empört er sich. Für ihn reicht die Entschuldigung des deutschen Bundeskanzlers nicht aus, er will sie von den Tätern hören.

Ausgegrenzt und provoziert
Die vier Oswiecimer können nicht verstehen, warum ein christliches Kreuz auf dem Territorium des einstigen Konzentrationslagers stören könnte. Sie fühlen sich ausgegrenzt, von jüdischen Befindlichkeiten provoziert. Für sie ist es auch ein polnischer Ort. Was die Älteren entzweit, ist für die Jungen kein Problem. "Ausch witz ist kein hundertprozentig jüdischer Ort. Nicht alle Opfer hier waren Juden", erklärt Daniel Rubenstein. "Aber alle Juden waren Opfer."
*Name geändert