Es gehört zu den frühesten Erinnerungen ihres Lebens und zu den schönsten. Als Kind im Vorschulalter saß Martina Dürrschmidt in Gablenz bei Weißwasser (Niederschlesischer Oberlausitzkreis) in der Kirche und schaute stundenlang zu, wie das Gotteshaus in Stand gesetzt wurde. Ihr Vater war nicht nur der Pfarrer im Ort. Er war auch ein begeisterter Antiquitätensammler. „Wir haben ein bisschen gelebt wie im Museum, das hat mich geprägt“ , sagt Martina Dürrschmidt und lacht.
Was die inzwischen 46-Jährige als Kind faszinierte, ist heute ihr Beruf. Als Restauratorin kümmert sie sich darum, dass Kirchen, Schlösser und Herrensitze in der Region in altem Glanz erstrahlen, oder, wenn das Geld nicht reicht, gesichert werden und nicht weiter verfallen. Sie erstellt Restaurierungskonzepte. Die Schlösser in Lieberose (Dahme-Spreewald) und Großkmehlen (Oberspreewald-Lausitz) hat sie untersucht, aber auch in Potsdam den Kutschenpferdestall und das Kabinetthaus. Sie hat Baustile und Bemalungen analysiert und dokumentiert und Vorschläge unterbreitet, was wie gerettet werden kann.

Die Menschen abholen
Neben solchen Arbeiten für die Denkmalpflege erledigt sie private Aufträge. In Cottbus restauriert und rekonstruiert sie vor allem Decken- und Wandmalerei der Jugendstilzeit. Mancher Hauseigentümer, so lobt sie, stecke dabei mehr Geld in die Restaurierung, als der Denkmalschutz von ihm verlangt. Martina Dürrschmidt bringt die Bemalung alter Schränke in Ordnung, reinigt und repariert Gemälde. Daneben wird sie selbst kreativ und malt neu, was Kunden sich wünschen: Biertrinker für die Wände einer Cottbuser Gaststätte oder das Bild eines Hundes vor italienischer Landschaft für die Wand eines Wohnzimmers. Ob es Kitsch ist, spielt für sie keine Rolle: „Für die Leute, die sich das wünschen, ist es schön. Man muss sie da abholen, wo sie sind.“
Martina Dürrschmidt hat in Dresden studiert. Unter etwa 150 Bewerbern pro Jahr für diese Ausbildung wurden zehn über eine Eignungsprüfung ausgewählt. Als Diplomarbeit restaurierte die Lausitzerin ein Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren: Ein großformatiges, beschädigtes Bild der Kurfürstin Anna von Sachsen aus dem Besitz des Freiberger Museums.
Nicht weniger anspruchsvoll die Restaurierung eines Epitaphs aus der Cranach-Schule in der Kirche von Klix bei Bautzen. Das Holz, das die Malschicht trug, war völlig von Holzwürmern zerfressen. Außerdem steckte ein Granatsplitter in der Tafel. Schicht für Schicht musste das Holz abgetragen und komplett erneuert werden. Die Malschicht wurde vorher durch eine wachsgetränkte Leinwand gesichert. Vier Jahre war Martina Dürrschmidt damit beschäftigt. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, leuchten ihre Augen, die Hände gestikulieren. Bis sie 1993 ihres Mannes wegen nach Großräschen zog, lebte sie in Dresden. Der Wechsel von dieser kunstprallen Stadt in die Provinz sei „ein Hammer“ gewesen, räumt Dürrschmidt ein. Inzwischen ist sie heimisch geworden: „Hier ist zwar viel weniger Kunst vorhanden, aber das, was da ist, will ich entdecken und helfen, es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ So wie die Kirche im benachbarten Dörrwalde.
1998 hat sie mit der Arbeit in dem kleinen Barockbau begonnen. Unter einer weißen Übermalung auf Altar und Emporen entdeckte sie alte Bemalungen. Die Altarbilder, die Moses, Johannes und Jesus mit den Aposteln zeigen, sind inzwischen freigelegt. Ob und wann die Bemalung der Emporen und der Tür wieder hergestellt werden kann, wird vom Geld abhängen, das die Kirchengemeinde aufbringt. Demnächst wird Martina Dürrschmidt auf der Holzbalkendecke der Kirche alte Bauernmalerei wiedererstehen lassen.
Nicht nur im Atelier, einem ehemaligen Laden mit großer Schaufensterfront, auch bei der Arbeit in Gebäuden lässt sie sich gern über die Schulter sehen. Als sie in einem Cottbuser Jugendstilhaus die Flurmalerei restaurierte, entfuhr es einem Mann, der das Haus betrat, spontan: „Das ist ja schön wie in einem Schloss.“
Martina Dürrschmidt liebt solche Momente. Es macht sie glücklich, wenn Menschen sich über Kunst freuen. Gerade in einer Gegend, die nicht wie Dresden von Kunst und Kultur geprägt ist. Deshalb erzählt sie auch nicht ohne Stolz, dass in der Dörrwalder Kirche nach langer Pause jetzt wieder Weihnachtsgottesdienste stattfinden, in denen kein Sitzplatz frei bleibt.

Das Land voller Himmel
Beim Freilegen übermalter Bilder vergisst Martina Dürrschmidt oft die Zeit: „Da geht es mit einem durch. Wenn man ein Stückchen geöffnet hat, will man wissen, wie es weitergeht.“ Manchmal wird diese Entdeckerlust besonders belohnt. Ein Privatmann brachte ihr eines Tages ein Ahnengemälde, das er auf einer Auktion für wenig Geld er steigert hatte. Martina Dürrschmidt sollte ein paar Flecken davon entfernen.
Ungewöhnlich war ihr das Bild von Anfang an vorgekommen, weil die Proportionen des dargestellten Mannes nicht stimmten. Als sie den Flecken zu Leibe rückte, entdeckte sie dann ein übermaltes, älteres Gemälde. Nach Rücksprache mit dem Eigentümer legte sie es komplett frei: „Das war ein wunderschönes Porträt des Bruders von August dem Starken, Johann Georg.“ Das übermalte Bild sei ein Vielfaches des Ersteigerten wert gewesen.
Auf die Frage, ob sie von ihrer Arbeit leben könne, antwortet Martina Dürrschmidt mit verblüffender Offenheit „ja, gut sogar“ . Auch dass sie ein glücklicher Mensch sei, sagt sie. Vielleicht sei das aber auch eine Frage des Blickwinkels. Sie bemühe sich, immer etwas zu entdecken, woran man sich erfreuen kann. Das hat sie inzwischen auch in der Landschaft der Niederlausitz gefunden: „Wenn man hier über Land fährt, sieht man immer so viel Himmel.“