Für die Lausitzer Landwirte hat die Energiewende längst begonnen. Auf vielen Höfen stehen die runden, haushohen Fermenter der Biogasanlagen mit kegelförmigen Kuppen, auf Stalldächern sind Solarmodule installiert. Strom, der mit diesen Anlagen produziert wird, ist für die Landwirte mittlerweile zum unverzichtbaren zweiten Standbein neben Viehwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion geworden.

Regenerative Energie bedeute für die Landwirte eine sichere Einnahmequelle, sagt Heiko Terno, Vizepräsident des Landesbauernverbandes Brandenburg. Ganz im Gegensatz zum Milchverkauf oder dem Anbau von Getreide. Denn dort schwanken die Preise. Aktuell liegt der Liter Milch bei 34 Cent pro Liter, aber niemand kann garantieren, dass er nicht wieder sinkt. Biogasanlagen bieten dagegen finanzielle Sicherheit. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gewährt bereits gebauten Anlagen Bestandsschutz, das heißt über einen Zeitraum von 20 Jahren bekommen die Betreiber einen festen Preis pro Kilowattstunde Strom oder Wärme, die sie ins Netz einspeisen.

Eine Änderung des EEG tritt am 1. Januar 2012 in Kraft, die Landwirte blicken dieser skeptisch entgegen. Sie kritisieren, dass das neue Gesetz den Bau gewerblicher Großanlagen mit bis zu fünf Megawattstunden begünstige. Kleinere landwirtschaftliche Anlagen blieben auf der Strecke.

Zwar steigt die Grundvergütung pro Kilowattstunde Strom leicht, aber "die Novelle hält viele Fallstricke für die Landwirte bereit", sagt Karsten Lorenz, Referent für Ackerbau und Erneuerbare Energien des Landesbauernverbandes Brandenburg. Neue Anlagen müssen in Zukunft 60 Prozent der Wärme nutzen, die bei der Verbrennung von Biogas entsteht. "Für landwirtschaftliche Anlagen eine viel zu hohe Quote", kritisiert Lorenz.

Zusätzlich gibt es einen "Maisdeckel", das bedeutet: Biogasanlagen dürfen in Zukunft nur noch zu 60 Prozent mit Mais und Getreide gefüllt werden. "Mais ist aber die effizienteste Biomassepflanze, die wir haben", so Lorenz. Um mit alternativen Energiepflanzen wie Sudangras dieselbe Energiemenge zu produzieren, bräuchten die Landwirte wesentlich mehr Anbauflächen. Die Folge: Der Konkurrenzkampf um Ackerland für Biomassepflanzen wird härter, die Pacht- und Bodenpreise pro Hektar steigen weiter an. In Brandenburg kletterte der Preis für den Hektar von 4,70 im Jahr 2009 Euro auf 6,30 Euro - rund 34 Prozent, das ist bundesweit Spitze. Landwirtschaftliche Betriebe können das kaum noch bezahlen. "Das neue EEG führt zur einseitigen Bevorzugung von Biogas. Milchbauern und Nahrungsmittelproduzenten müssen sich auf dem freien Markt behaupten", sagt Heiko Terno. Wenn das Futter knapp wird, verfeuert der Bauer es lieber in der Biogasanlage und schafft seine Kuh ab. Die eigentliche Aufgabe der Landwirte, nämlich Lebensmittel zu produzieren, könnte so in den Hintergrund rücken.

Ein Problem, dem sich auch die Politik stellen muss. Jens-Uwe Schade, Pressesprecher des Brandenburger Landwirtschaftsministerium, räumt ein, dass noch keine Lösung gefunden wurde: "Das ist ein Schwachpunkt im EEG. Auch uns stellt sich die Frage: ‚Wie gehen wir mit gewerblichen Betreibern von Biogasanlagen um?‘" Eine Begrenzung der Megawattzahlen pro Anlage werde diskutiert. Landwirte müssten in erster Linie Nahrungsmittelproduzenten bleiben und dürften nicht zu Energielieferanten werden, sagt Andreas Jahnel, Referent für Pflanzenbau, nachwachsende Rohstoffe und Erneuerbare Energien des Landesbauernverbandes Sachsen. Dennoch sieht er in der Energiewende eine Chance für die Landwirte: "Erneuerbare Energien bieten ein optimales zweites Standbein."

Es sei jedoch nötig, an Alternativen für den Mais zu forschen, um einer "Vermaisung" der Landschaft vorzubeugen. Maisanbau habe jedoch in Sachsen und Brandenburg längst noch nicht Ausmaße wie in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein angenommen. In Brandenburg etwa wird auf 167 000 Hektar Mais angebaut, ein Drittel davon wandert in die Biogasanlagen, zwei Drittel werden als Futter verwertet.

Für Tom Kirschey, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu), sind das alarmierende Zahlen. "Der Maisanbau in Brandenburg hat schon überhandgenommen", die Folgen längst spürbar. So sei die Population von am Boden brütendenden Vögeln, wie die Feldlerche oder der Kiebitz, um ein Drittel zurückgegangen. Mais lauge den Boden aus, schwere Erosionen seien die Folge, zum Beispiel Sandstürme wie in Mecklenburg-Vorpommern. Im April dieses Jahres kam es dadurch auf der A 19 zu einer Massenkarambolage, bei der acht Menschen starben.

Kirschey kritisiert das EEG 2012: "In dieser Form wird das Gesetz den Ansprüchen des Naturschutzes nicht gerecht." Auch er ist der Meinung, dass das neue EEG große industrielle Biogasanlagen bevorzugt und so der Maisanbau vorangetrieben wird. Die Naturschützer des Nabu fordern unter anderem, mindestens zehn Prozent der Agrarflächen stillzulegen.

Auch die EU-Kommision diskutiert zurzeit über ein neues Flächenstilllegungsprogramm. Für die Landwirte würde das bedeuten, dass sich der Konkurrenzkampf um Ackerflächen weiter verschärft. Denn gewerbliche Biogasanlagenbetreiber wären davon kaum betroffen .