Jetzt gehört Naimim zu den insgesamt 14 Boten, die für Kabuls ersten und bislang einzigen Fahrrad-Kurier-Dienst arbeiten.

Flaute nach dem Opferfest
Wer ihn auf seinem silberblitzenden Mountain-Bike Marke "America" durch den Verkehr flitzen sieht, kann kaum glauben, dass das rechte Bein eine Prothese ist. Gerade haben Naimim und seine Kollegen allerdings wenig zu tun. In den Tagen nach dem islamischen Opferfest sind Geschäfte und Büros in der afghanischen Hauptstadt geschlossen. "Vorhin wollte jemand, dass wir ihm ein Mittagessen bringen", erzählt Abdul Chalik. "Aber auch das Restaurant hatte zu." Also hockt er sich neben Naimim auf die Kissen vor den Holzofen, der das kleine Büro und das Teewasser wärmt.
Sich auf den Boden zu setzen, fällt Naimim und Chalik sichtbar schwer. Auf dem Rad aber sind sie die Könige der Kabuler Straßen. "Wir sind schneller als die Autos", sagt Naimim mit einem Grinsen. Kein Wunder, denn in Kabul herrscht tagsüber Dauerstau. Überfüllte Busse, klapprige Lastwagen sowie tausende kleine und große Autos verstopfen die Straßen, vorwärts kommen dann nur noch Radfahrer. Naimim, Chalik und die anderen quetschen sich durch das Chaos oder biegen auf ihren stabilen Rädern made in Taiwan in die schlammigen Seitenwege ab, deren riesige Schlaglöcher sogar afghanische Autofahrer abschrecken. "Ich kenne jede Straße hier", sagt Chalik.
Mit Stolz trägt er den beigen Dienstoverall, auf dem über der rechten Brusttasche "ded" steht - Deutscher Entwicklungsdienst. Bislang finanziert die deutsche Gesellschaft die Fahrrad-Boten, die monatlich 50 Dollar Lohn, die Räder und die vier silbrigen Handys. Der Kurier-Dienst hat erst im November eröffnet. "Frühestens in einem halben Jahr werden wir sehen, ob sich das allein trägt", sagt Erhard Bauer vom ded. Ins Rollen gebracht hat die Initiative eine afghanische Hilfsorgansiation, die ihre ersten Fahrer bei einer Behinderten-Wettfahrt rekrutierte und dann die Deutschen um Hilfe bat. Verdienstmöglichkeiten für die abertausenden Afghanen, die durch Kämpfe und Minen in den vergangenen Jahrzehnten schwer verwundet wurden, gibt es sonst kaum.
Das kriegsverwüstete Afghanistan nimmt auf Behinderte wenig Rücksicht. Der 25-jährige Matiullah war arbeitslos, bevor er zu den Fahrrad-Kurieren kam, Chalik und Naimim hielten sich und ihre Familien mit Hilfsjobs auf dem Bau und dem Basar über Wasser. Jetzt aber werden sie gebraucht: In einer Stadt, in der Telefon, Fax und Post nur rudimentär funktionieren, überbringen sie 24 Stunden am Tag für einen Dollar pro Kilometer wichtige Dokumente und eilig benötigte Unterlagen - oder holen auch schon mal mitten in der Nacht Zigaretten für einen deutschen Manager.

Früher waren sie Gegner
Vergessen ist, dass auch die 14 Fahrrad-Kuriere einst verfeindeten Kriegsparteien angehörten. "Wir können nicht mehr verstehen, warum wir mal gegeneinander gekämpft haben", sagt Matiullah. Einen Streitpunkt aber gibt es noch: Wer den schnellsten Weg kennt zwischen Büro und Pizzeria.