Fakt ist, dass es zwischen 2006 und 2010, also unmittelbar vor Beginn der Aufstände gegen Diktator Assad, in Syrien eine Trockenperiode gab, die von den Einheimischen sogar als "Jahrhundertdürre" bezeichnet wird. Sie machte bis zu 1,5 Millionen Syrer, vor allem Bauern, zu Binnenflüchtlingen. Am meisten betroffen war der Norden des Landes mit dem Oberlauf von Euphrat und Tigris, darunter auch die Region um Rakka, wo sich ganze Dörfer entvölkerten. Dort regiert heute der IS. Die meisten Menschen wanderten in die Süd-Regionen um Homs und Daraa, wo Anfang 2011 die Demos begannen.

Eine Studie der Universität von Kalifornien in Santa Barbara hatte vor einem Jahr als erste auf den Zusammenhang aufmerksam gemacht, allerdings selbst betont, dass es auch noch andere Faktoren gegeben habe. Flüchtlinge aus den Kriegen im benachbarten Irak etwa, die die Städte überfüllten, die verfehlte Landwirtschaftspolitik von Assad und das enorme syrische Bevölkerungswachstum. Und die "Arabellion", das Vorbild der Aufstände in den anderen arabischen Ländern. Allerdings meinten die amerikanischen Wissenschaftler, dass die Dürrevertriebenen "den Zündfunken bildeten, der zum offenen Krieg führe".

Die Hamburger Konfliktforscherin Christiane Fröhlich widersprach dem am Donnerstag bei der Vorstellung ihrer Studie in Berlin. Sie hatte in Flüchtlingslagern in Jordanien ausführliche Interviews mit ehemaligen syrischen Bauern und ihren Familien geführt. Ergebnis: Die wegen der Dürre in den Süden gegangenen Bauern verhielten sich weitgehend unpolitisch und beteiligten sich nicht an Demonstrationen. Eher war es der Unmut der sesshaften Bevölkerung über das Nichtstun der Assad-Regierung gegenüber den Problemen im Norden, der zu den Protesten führte. Aber auch der Ärger über wirtschaftsliberale Reformen des Regimes, die die Arbeitslosigkeit auf über 30 Prozent hochgetrieben hatten. Aus Fröhlichs Sicht lehrt das Beispiel Syrien nicht, dass der Klimawandel mit seinen erwarteten bis zu 200 Millionen Entwurzelten weltweit zu Aufständen in den Zufluchtsregionen führen muss. Vielmehr zeige der Fall, dass man viel stärker alle sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen in den von Dürren betroffenen Ländern im Blick haben müsse, um die Lage bewältigen zu können. Fröhlich: "Es geht nicht nur um Wasser-Management, man muss die Gesellschaften widerstandsfähiger machen."

Für Europas Politik bedeutet das neue, große Herausforderungen. Denn die Mittelmeerregion, die Sahel-Zone und das westliche Afrika gehören zu jenen Gebieten der Erde, die wegen des Klimawandels in Zukunft häufiger als bisher mit Dürren zu kämpfen haben werden. Das prognostizierte am Donnerstag der Deutsche Wetterdienst. Es sind alles Gegenden, die in Reichweite Europas liegen und schon jetzt über ausgeprägte Flüchtlingsrouten und Schleuserstrukturen verfügen.