| 02:41 Uhr

Die duale Ausbildung schwächelt in Deutschland

Wollen intensiver unterstützen: Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD, l.) und Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU).
Wollen intensiver unterstützen: Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD, l.) und Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU). FOTO: dpa
Berlin. Bessere Brücken in die betriebliche Ausbildung will die Bundesregierung mit einem Milliardenprogramm bauen. Denn nach wie vor gibt es Probleme beim Übergang von der Schule in eine Lehre, wie der Berufsbildungsbericht zeigt. Stefan Vetter

Deutschland wird international um sein duales Ausbildungssystem beneidet. Doch immer weniger junge Leute treten eine Lehre an. "Wir müssen die gesellschaftliche Wertschätzung der dualen Ausbildung wieder erhöhen", mahnte Forschungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung des Berufsbildungsberichts der Bundesregierung.

Wanka war gerade von einem Besuch der Hannover-Messe gekommen. Dort hätten sich vor allem die Inder für die deutsche Lehrausbildung interessiert, berichtete die Ministerin voller Stolz. In Deutschland selbst scheint das parallele Lernen in Betrieb und Berufsschule allerdings eher in der Krise zu stecken.

Im Jahr 2014 haben die Firmen nur noch mit rund 522 000 jungen Leuten einen Lehrvertrag abgeschlossen. Ein absoluter Tiefststand seit der deutschen Wiedervereinigung. Auf der anderen Seite gab es jedoch mit 37 100 unbesetzten Ausbildungsplätzen einen neuen Höchststand. Und das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn hier handelt es sich um Plätze, die den Arbeitsagenturen gemeldet wurden. Der deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht von insgesamt 80 000 freien Lehrstellen aus.

Die jungen Interessenten sind demnach in einer komfortablen Lage. Auch nach offizieller Darstellung kommen auf 100 Lehrstellsuchende 103 Ausbildungsangebote. Bis vor Kurzem war es noch genau umgekehrt.

Für den Rückgang der neu geschlossenen Ausbildungsverträge führt der Regierungsbericht mehrere Gründe ins Feld. Da ist zum einen die demografische Entwicklung. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Schulabsolventen um etwa 100 000 reduziert. Andererseits nahm gleichzeitig rund ein Drittel mehr ein Studium auf.

Bereits seit dem Jahr 2013 übersteigt die Zahl der Studienanfänger deshalb die der Azubis. So gesehen hat der wachsende Drang nach höheren Bildungsabschlüssen also auch eine Schattenseite - zumal viele dem verstärkten Leistungsdruck offenbar nicht gewachsen sind. Jedes Jahr brechen etwa 100 000 Studenten ihr Studium ab.

Ministerin Wanka warb dann auch dafür, eine Lehre nicht als minderwertig zu betrachten. "Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss in den Köpfen ankommen", sagte die Ministerin.

Eine weitere Ursache für die rückläufige Zahl der Ausbildungsverträge sieht der Regierungsbericht in dem Problem, Angebot und Nachfrage unter einen Hut zu bringen. Betriebe klagen zunehmend, dass sie keine geeigneten Azubis finden. Andererseits blieben 2014 fast 21 000 Lehrstellensuchende unversorgt. Hinzu kamen mehr als 98 000 einstige Bewerber, die offenbar aufgegeben haben. Denn nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit gibt es für sie keine Vermittlungsbemühungen mehr, und auch deren Verbleib ist dort unbekannt.

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) räumte ein, dass der Übergang von der Schule in die Ausbildung politisch "noch intensiver" unterstützt werden müsse. Dazu gibt es bereits mehrere Förderprogramme. So werden leistungsschwache Jugendliche in einer "assistierten Ausbildung" von speziellen Helfern für bis zu drei Lehrjahre lang begleitet. Auch können sich Schüler im Rahmen einer "Bildungsketten-Initiative" mit praktischer Arbeit in Werkstätten beschäftigen, um sie zu einem besseren Zeugnis zu motivieren.

Insgesamt stellt die Regierung bis 2018 nach eigenen Angaben rund 1,3 Milliarden Euro für die Förderung der betrieblichen Ausbildung zur Verfügung. Der DGB mahnte am Mittwoch auch die Wirtschaft, ihre Verantwortung für die duale Ausbildung wahrzunehmen. "Viele Arbeitgeber müssen endlich von ihrem hohen Ross absteigen und auch Hauptschüler verstärkt ausbilden", sagte DGB-Vize Elke Hannack der RUNDSCHAU. Es passe nicht zu den ewigen Klagen über einen Fachkräftemangel, dass viele Unternehmen solche jungen Menschen "von vornherein aus der betrieblichen Ausbildung ausgrenzen".