"Aber sie werden nicht alle kriegen", habe Litwinenko zu ihm noch gesagt, bevor er am Donnerstagabend gestorben sei, berichtete der Filmemacher Andrej Nekrasow der britischen Tageszeitung "The Times". Er hatte den früheren russischen Agenten in der Londoner Universitätsklinik besucht. Um 21.21 Uhr verstarb Litwinenko auf der dortigen Intensivstation. Zwei Tage vor seinem Ableben, am Dienstag, diktierte der frühere Spion einen Abschiedsbrief, in dem er den russischen Präsidenten Wladimir Putin für seinen Tod verantwortlich machte. "Sie haben es geschafft, einen Mann zum Schweigen zu bringen", hieß es in dem Brief des Todkranken, den sein Freund und Sprecher Alexander Goldfarb gestern auf den Stufen der Universitätsklinik verlas. "Aber der Protest aus aller Welt, Herr Putin, wird für den Rest des Lebens in Ihren Ohren nachhallen."
Putin habe sich "so barbarisch und rücksichtslos" gezeigt, wie seine ärgsten Feinde ihn dargestellt hätten, warf der frühere Agent ihm in seinem Brief vor. Der Staatschef habe gezeigt, dass er "keine Achtung vor dem Leben, vor der Freiheit oder irgendeinem Wert der Zivilisation" habe. "Möge Gott Ihnen vergeben, was Sie getan haben, nicht nur mir, sondern dem geliebten Russland und seinem Volk." Goldfarb und Litwinenko hatten sich in Russland im Gefängnis kennengelernt; es war der Bürgerrechtler, der dem Spion im Jahr 2001 bei der Flucht nach Großbritannien half. Für Litwinenkos Freunde war klar, dass der Kreml den früheren Geheimdienstagenten auf dem Gewissen hat. Oleg Gordiewski, früher ein führender Mann beim KGB, der in den 80er-Jahren nach England übergelaufen war, nannte Putin einen "internationalen Terroristen&ldqu o;. Er sei sehr wütend darüber, wie "teuflisch" der russische Geheimdienst sei, sagte Gordiewski im britischen Sender BBC. Litwinenko sei an einem sehr raffinierten Gift gestorben, "das der KGB in seinen Geheimlabors entwickelt hat".

Ärzte revidieren Verfügungstheorie
Auch die Ärzte hatten zunächst gesagt, dass Litwinenko vergiftet worden sei; kurz vor seinem Tod rückten sie von dieser Vermutung aber wieder ab und erklärten am Donnerstag, sie wüssten nicht, woran der 43-Jährige erkrankt sei. Litwinenko war am Sonntag auf die Intensivstation verlegt worden, nachdem sein Zustand sich verschlechtert hatte. Ihm waren alle Haare ausgefallen, auch seine Leber und sein Knochenmark waren angegriffen.
Die Zeitung "The Guardian" berichtete gestern, mehrere Ermittler hätten Zweifel daran, dass die russische Regierung hinter dem rätselhaften Tod stecke. Demnach geht die Polizei sogar der Möglichkeit nach, "dass er sich selbst vergiftet hat", vielleicht sogar, um den Kreml die Schuld dafür unterschieben zu können. Ein britischer Sicherheitsexperte, Glenmore Trenear-Harvey, zeigte sich im Gespräch mit der BBC auch skeptisch, was eine Vergiftung angehe: Die Gefahr für Russland sei "viel zu groß", dass die Beziehungen zu Großbritannien darunter leiden könnten.
Der Kreml selbst reagierte nüchtern auf Litwinenkos Ableben. "Der Tod ist immer eine Tragödie", sagte ein russischer Regierungssprecher gestern in Helsinki. Nun sei es an den britischen Behörden zu ermitteln.