Eine paradoxe Situation, die symptomatisch ist für diesen verheerenden Grünen-Parteitag im Kongresszentrum von Hannover. Denn bis auf die Tatsache, dass die Ökos am Ende nicht auch noch kopflos da stehen, ging fast alles schief, was die alte Führung eigentlich gerade rücken wollte.
Gestern Morgen um kurz nach ein Uhr ist der Eklat perfekt. Das Podium gleicht einem Wachsfigurenkabinett. Joschka Fischer sitzt mit gequälter Miene da. Fritz Kuhn scheint zur Salzsäule erstarrt. Seine Co-Vorsitzende, Claudia Roth, kann die Zuckungen um ihre Mundwinkel nur mühsam im Zaum halten. Acht Stimmen fehlen an der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit. Acht Stimmen, die dem Erfolgsduo Roth-Kuhn eine erneute Kandidatur für die Chefposten verbaut haben. Ein Albtraum, den alle irgendwie vor Augen sahen, aber niemand in der Parteispitze wahrhaben wollte. Nun erlebt der Schock eine Neuauflage. Die alte Satzungsregel, wonach ein Vorstandsmitglied nicht gleichzeitig im Bundestag sitzen darf, stand schon auf dem Bremer Parteitag vor sieben Wochen zur Debatte. Damals war ihre Abschaffung an 20 Delegierten gescheitert. Was nun? Claudia Roth geht als erste zum Rednerpult. "Ich liebe diese Partei", verblüfft sie das Publikum. Aber mit solchen Spr&uum l;chen von zeitloser Schönheit lassen sich nur die Tränen besser bekämpfen. Fritz Kuhn ist in diesem schweren Augenblick jeder Wortschwall fremd: "Ich bin persönlich etwas traurig", lautet seine diplomatische Umschreibung für das Debakel.

Ein Wechselbad der Gefühle
In den Stunden zuvor erlebte der Parteitag ein Wechselbad der Gefühle. Als darüber entschieden wurde, ob man die Trennung von Amt und Mandat wegen der Bremer Beschlusslage von der Tagesordnung streichen solle, votierten satte 40 Prozent der Delegierten mit "Ja". Ihr Tenor: Es dürfe nicht sein, "eine Abstimmung so lange zu wiederholen, bis das gewünschte Ergebnis vorliegt". Das sei "ein Signal" triumphierte der Altlinke Christian Ströbele. Bei den Befürwortern einer Satzungsänderung schrillten derweil die Alarmglocken. Der Bundestagsabgeordnete Reinhard Loske befürchtete ein "vorweg genommenes Endergebnis". Und auch die Düsseldorfer Umweltministerin Bärbel Höhn gab die Sache verloren. "Tatsache ist, dass es ein Unbehagen gegenüber der Führung gibt". Viele Delegierte seien schon durch Beschl&u uml;sse ihrer Basisverbände festgelegt.
Die Parteitagsregie ließ allerdings nichts unversucht, um die Stimmung herumzureißen. Zunächst durften die Delegierten in einer politischen Grundsatzdebatte den grünen "Reformmotor" anwerfen. Ökologie, Gerechtigkeit und die guten Umfragwerte bestimmten die selbstbewussten Redebeiträge. Dahinter sollte die Botschaft stehen, dass Roth und Kuhn dafür auch künftig an der Spitze gebraucht würden. Joschka Fischer ging ebenfalls zu Gunsten der beiden in die Bütt. In Bremen hatten alle Parteioberen der heraufziehenden Katastrophe noch wortlos zugeschaut. Und als Fritz Kuhn entgegen seinen sonst eher nüchternen Ansprachen dann selbst einen furiosen Auftritt hinlegte ("Es geht um uns, aber vor allem um die Partei!") und viele im Saal stehende Ovationen spendeten, da schien die Sache auf gutem Weg zu sein.
Umso absurder mutet jetzt die gespenstische Situation in der weiten Halle des Parteitages an. Eine Urabstimmung über die Trennung von Amt und Mandat haben die Delegierten nach unerwartet zähem Ringen bewilligt, aber eben keine vorübergehende Ausnahmeregelung für Roth und Kuhn. "Eine Katastrophe", sagt eine Abgeordnete. Nun werde das Machtzentrum wieder voll in die Bundestagsfraktion verlagert, resümiert ein anderer. Doch erst einmal gibt es ein riesiges Personalvakuum. "Wir haben keinen Plan B", versichern genervte Parteiarbeiter immer wieder. Auch nicht das kleinste Ventil sollte den Druck zur Wahl von Roth und Kuhn mindern. Im Vorfeld gehandelte Namen wie die Ex-Bundestagsabgeordnete Angelika Beer und der Chef der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Füks, waren bis zu diesem Zeitpunkt keine ernsthaften Optionen.
So kommt es zur kurzen Nacht der Kungelrunden und fieberhaften Telefonate. Die Parteilinken beratschlagen am Rande des Plenums, der Parteirat zieht sich in den streng abgeschirmten Raum "Utrecht" des Tagungshotels zurück. Angaben von Teilnehmern zufolge hat Fischer dort kurz gebrüllt, um gleich danach wieder zu verschwinden. Nach ratlosem Hin und Her werden dann ein paar Emissäre mit "Sondierungen" beauftragt. "Ich befürchte, irgendwas wird da schon gewählt werden", stöhnt ein prominentes Fraktionsmitglied.
Offenbar bietet man die Posten wie Sauerbier an. Mehrere Landesvorsitzende winken genau so ab, wie die auserkorenen Bundestagsabgeordneten, die dafür natürlich auch ihren Posten im Parlament räumen müssten. Fischer selbst wollte die ehemalige Fraktionschefin Kerstin Müller überreden. Die Linken hätten gern den nordrhein-westfälischen Grünen-Vorsitzenden, Frithjof Schmidt, bekehrt. Vergebens.

"Nur Übergangsvorsitzende"
Mangels Alternativen kommt schließlich Angelika Beer zum Zuge, die an der Kandidatenaufstellung für die Bundestagswahl in Schleswig-Holstein gescheitert war und in Hannover schon frühzeitig eine verkappte Bewerbungsrede gehalten hatte. Reinhard Bütikofer entscheidet sich erst unmittelbar vor der Vorstandswahl zu diesem Schritt, nachdem Ralf Füks trotz intensiver "Bearbeitung" bei seinem "Nein" geblieben war. Bütikofer wurden eigentlich Ambitionen für das Europaparlament nachgesagt. Sein Verhältnis zu Fritz Kuhn galt als gespannt.
"Das sind nur Übergangsvorsitzende", sagen Delegierte hinter vorgehaltener Hand. Mit der beschlossen Urabstimmung in der ersten Hälfte des kommenden Jahres bestehen nämlich gute Chancen, die Trennung von Amt und Mandat zu lockern. Ein verrückter Gedanke: Dann hätten Kuhn und Roth auch bleiben können, was sie waren. Bütikofer, ein kluger Analytiker, ahnt das Ungemach für sich und seine Partei: "Die vor uns liegende politische Wegstrecke wird schwer."