Havemann und Biermann hatten sich in den 60er-Jahren die Freiheit genommen - der eine als Naturwissenschaftler und Erkenntnistheoretiker, der andere als Dichter - den Mangel an individuellen Entfaltungsmöglichkeiten in der DDR und das politische Monopol der Einheitspartei öffentlich infrage zu stellen. Anfang der 60er-Jahre gab es innerhalb der SED durchaus Fraktionen, und eine Debatte über die Richtung der DDR konnte in diesem Rahmen geführt werden. Nur wollten Havemann und Biermann den Richtungsstreit nicht hinter verschlossenen Türen austragen - und sie hielten das Ergebnis dieses Streits für offen. Damit war die Debatte selbst schon eine ernste Gefahr für den Alleinanspruch der SED auf die Macht in der DDR.

Berufsverbot für Kritiker
Havemann wurde aus der Partei geworfen, und Biermann konnte erst gar nicht Mitglied werden. Die DDR-Führung belegte beide mit einem umfassenden Berufs- und Publikationsverbot. Der Gefahr entging die SED damit nicht: Das Verbot empfahl Havemann und Biermann geradezu als Gesprächspartner für Medien in der Bundesrepublik, die Originalstimmen aus der DDR brauchten und nicht nur Funktionäre befragen wollten. Havemann und Biermann waren die einzigen in der DDR, die vor westlichen Mikrofonen kein Blatt vor den Mund nahmen. Ihre Worte wurden von westlichen Sendemasten in die DDR hineingestrahlt. Ihre Medienpräsenz und das Interesse der DDR-Führung an internationaler Anerkennung schützten die beiden aber vor der Inhaftierung, wie sie viele andere, weniger prominente Kritiker der DDR erleiden mussten.
Dazu kam, dass Havemann und Biermann keinen Zweifel daran ließen, dass die DDR ihr Land war, und dass sie die SED als Kommunisten kritisierten. Als ehemaliger kommunistischer Widerstandskämpfer, der in Hitlers Todeszelle gesessen hatte, genoss Havemann eine besondere Glaubwürdigkeit. Biermann, Sohn eines im KZ ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfers, hatte daran als Havemanns Freund und Verbündeter Anteil. Die Hoffnung der SED, beiden das Leben in der DDR zu vergällen, erfüllte sich nicht. Havemann sah seine Rolle nicht darin, "die DDR von außen zu verbellen", und auch Biermann wusste, dass die Wirkung seiner Kritik abnehmen würde, wenn er das Land verließe. Sie ergänzten einander in idealer Weise. Havemann, der Ex-Funktionär, setzte mit seinem Wandel vom Stalinisten zum demokratisch-sozialistischen Reformer ein populäres Zeichen, und Biermann sang: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu."
Folgerichtig qualifizierte es Havemann als ein Zeichen von Schwäche, dass die SED Biermann am 16. November 1976 ausbürgerte und von einer genehmigten Konzertreise durch die Bundesrepublik nicht wieder ins Land ließ. Dass Havemann selbst sich von der Ausbürgerung seines wichtigsten Verbündeten nicht einschüchtern ließ, trug ihm eine gute Woche später Hausarrest ein.
Er publizierte jedoch trotz Isolation weiterhin im Westen. Seine Helfer, die seine Texte über die Mauer vermittelten, darunter auch DDR-Bürger, nahmen sich das Biermann-Paradoxon zu Herzen, begaben sich in Gefahr und bewiesen, dass die SED, wenn sie sich schon nicht auf eine Debatte mit ihren Kritikern einließ, dennoch deren Argumente nicht unterdrücken konnte.
Havemann erlebte es jedoch nicht mehr, dass jüngere Menschen es schafften, was er sich für seine eigene Generation immer gewünscht hatte - in einer solchen Zahl, dass das Eindämmen des Stroms immer schwieriger wurde, nach seinem Beispiel Meinungsfreiheit zu üben.

Neues Forum entstand
Schließlich gründete sich neben anderen Bürgerrechtler-Initiativen aus Teilen der immer selbstbewusster auftretenden Friedensbewegung sieben Jahre nach seinem Tod auf Havemanns Grundstück das Neue Forum. Hunderttausende unterschrieben den Gründungsaufruf, den Havemanns Witwe Katja gemeinsam mit Bärbel Bohley und anderen Freunden initiiert hatte. Das Forum verstand sich als Plattform einer Debatte über eine menschlichere DDR, in der alle Freiheiten und Parteienpluralismus garantiert sein sollten. Vor so viel Freiheit knickte die Macht der SED rasch in nichts zusammen. Es war zu spät für den Dialog, den sie stets mühsam unterdrückt hatte.
"Ein Einzelner kann in einer solchen Gesellschaft etwas erreichen, die jedes freie Wort unterdrücken will", sagt der Bürgerrechtler Gerd Poppe. "Das haben Havemann und Biermann gezeigt, lange bevor es die Bewegung der 80er-Jahre gab. Sie waren Ausnahmegestalten, weil sie als einzige wahrnehmbar waren in ihrem Widerspruch. Das ist ein Verdienst, das wird bleiben."