Herr Scheer, Brandenburg und der Energiekonzern Vattenfall setzen für die kommenden Jahrzehnte weiter auf die Braunkohleverstromung. Ein unumgänglicher Schritt„
Solche Entscheidungen müssen unter drei Gesichtspunkten beleuchtet werden: Es sollte dabei um Energiesicherheit gehen, um regionale Wirtschaftsförderung und um die ökologischen Folgen. Will man die Wende hin zu den erneuerbaren Energien, muss man auf diesen drei Feldern prüfen, in welcher Schrittfolge man vorgeht.

Was konkret heißt“
So, wie die erneuerbaren Energien derzeit gesetzlich betreffend der Einspeisung in die Netze gefördert werden, so lassen sie sich auf Landesebene in Planungs- und Raumordnungsverfahren privilegieren. Denn noch ist es so, dass konventionelle Technologien mehr Planungsprivilegien genießen als alternative Energie-Anlagen. Zudem müsste man bei neuen Tagebau-Planungen den Nachweis einfordern, ob nicht auf gleicher Fläche - auf die entsprechenden Jahrzehnte hochgerechnet - mit einer Kombination aus Windkraft und Biomassenutzung dieselbe Energie erzeugt werden könnte. Auch bei Renaturierungsflächen sollte schon in der Planung die Energie-Nutzung mitgedacht werden.

Die Kraftwerksbetreiber stellen ihre Erzeugung jetzt aber auf CO 2 -freie Technologie um. Für das Klima ist die Kohlenutzung dann doch keine Belastung mehr„
Die CO 2 -Abscheidung ist eine Sackgasse. Der Konzern Shell hat die Idee der "clean coal", der sauberen Kohle als erster entwickelt. Und sich als erster wieder davon verabschiedet. Die Abscheidung des Kohlendioxyds ist technisch machbar aber ökonomisch und ökologisch nicht sinnvoll. Zudem ist das Problem der Lagerung des Kohlendioxyds nicht sinnvoll lösbar. Für die CO 2 -Jahresproduktion bräuchten wir jedes Jahr zusätzliches Lagervolumen von 15 Kubikkilometern in Erdkavernen. So viel gibt es nicht.

Warum wird es dann - auch mit Unterstützung Ihres Parteifreundes Matthias Platzeck - geplant“
Es gibt leider viel zu wenig neutrales Expertenwissen auf diesem Feld. Institute, die forschen, brauchen Geld. Und die be gut achten nur zu gerne, was sie für gut erachten sollen. Und die Energiekonzerne selbst haben ihr ureigenstes Interesse an der Erhaltung ihrer Strukturen. Aber wenn man überhaupt noch Kohle nutzt, kommt man nicht umhin, auf eine dezentrale Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung zu setzen. Das ist die effizienteste Nutzung der fossilen Energie.

Kritiker des Umstiegs auf erneuerbare Energien führen an, man könne nicht gleichzeitig aus der Kohle und aus der Atomenergie aussteigen.
Das Potenzial erneuerbarer Energien und die Geschwindigkeit ihrer Einführung wird deutlich unterschätzt. Es ist durchaus möglich, den Energiebedarf auch komplett ohne fossile oder atomare Quellen zu decken. Das Ziel des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von ,mindestens 20 Prozent'-Anteil an der deutschen Stromversorgung bis 2020 wird bei gleichem jährlichen Ausbautempo, wie es seit dem Jahr 2000 besteht, bereits 2013 erreicht. Die jährliche Einführungskapazität liegt seitdem etwa bei 3000 Megawatt Neuanlagen. Allein schon aus der kontinuierlichen Fortsetzung dieses Ausbaus bis zum Jahr 2023, dem geplanten Abschalten der letzten Atomkraftwerke, ergibt sich ein Anteil erneuerbarer Energien von 30 Prozent. Ich habe in meinem Memorandum vom Frühjahr beschrieben, dass mit energischem politischem Willen eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien wäre bis 2040 möglich wäre.

Aber gerade die Biomasseproduktion verteuert schon jetzt die Lebensmittelpreise. Eine zusätzliche Belastung für den Verbraucher.
Bei den Getreidepreisen wird eine Scheindebatte geführt: Von 1000 Euro, die im Brotgeschäft umgesetzt werden, entfallen nur 50 Euro auf den Getreidepreis. Wenn jetzt also der Bauer zehn Prozent mehr für seinen Weizen bekommt, heißt das doch nur, dass die EU weniger Subventionen an ihn zahlen muss. Der Landwirt wird zum Ernährungs- und Bioenergiewirt. Nach der Getreideernte fürs Mehl kann er eine zweite Ernte für die Biomasseproduktion einfahren, den Fruchtwechsel vollziehen und so den Boden optimal nutzen.

Mit HERMANN SCHEER
sprach Andrea Hilscher

Zur Person Biografie von Hermann Scheer
 - Geboren am 29. April 1944 in Wehrheim im Taunus; verheiratet, ein Kind,
- 1964 Abitur in Berlin,
- 1964 bis 1967 Offiziersausbildung, Leutnant bei der Bundeswehr,
- 1967 bis 1972 Studium an der Universität Heidelberg und an der Freien Universität Berlin, Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften,
- 1972 bis 1976 wissenschaftlicher Assistent an der Universität Stuttgart,
- 1976 bis 1980 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kernforschungszentrum Karlsruhe,
- seit 1980 Mitglied des Deutschen Bundestages,
- seit 1988 Präsident von Eurosolar, der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien,
- seit 2001 General Chairman des Weltrats für Erneuerbare Energien (World Council for Renewable Energy),
- 1999 Verleihung des Alternativen Nobelpreises in Stockholm, 2000 des Weltpreises für Bioenergie,
- 2002 Ehrung als "Hero for the Green Century" des amerikanischen Time-Magazine